Ein ganz normaler Arbeitstag

Grüße aus der Versenkung - heute mit einem schon etwas älteren Text über meine Zeit als Zivildienstleistender.

 

Ein ganz normaler Arbeitstag


Viel zu früh aufstehen.

Kopf dröhnt – scheiß Alkohol.

War bisschen zu viel gestern.

Wie jeden Abend halt.

Aber notwendig war er auch.

Denn ein Zuviel bei Alkohol kann es gar nicht geben.

Erste Zigarette anzünden.

Ins Band wanken.

Klobrille hochklappen ist zu viel Arbeit in der Früh.

Abends im Übrigen auch.

Mist, daneben gepinkelt.

Egal.

Wird schon jemand wegwischen.

Bzw. trocknet ja auch ein.

Im Sitzen pinkeln? Niemals! Ich bin ein Mann und keine Muschi. Ich wurde geboren, um im Stehen zu pinkeln.

Zähneputzen fällt heute aus – keine Lust.

Dusche muss nicht sein, erst übermorgen wieder.

Reicht leicht.

Anziehen.

Das gleiche wie die letzten vier Tage.

Zigarette (Nummer zwei).

Kaffee.

Zigarette (Nummer drei).

Zur Arbeit fahren.

Zigarette (Nummer vier).

Scheiß Berufsverkehr!

Zigarette (Nummer fünf).

Ankunft Bauhof.

Einparken – und zwar rückwärts, Männersache!

Die anderen Visagen sind auch schon da – zum Kotzen.

Zigarette (Nummer sechs).

Der Gong schreit, die Arbeit beginnt.

Chef verteilt Aufgaben.

Wie immer den größten Dreck abbekommen.

Und den Auszubildenden noch dazu – na ganz toll.

Innere Wut.

Zum Pritschenwagen gehen, Werkzeug raufwerfen, losfahren.

Zigarette (Nummer sieben).

Auszubildender weist mich darauf hin, dass ich im Dienstwagen nicht rauchen darf.

Schnauze! Du kannst auch was aufs Maul haben!

Weiterrauchen und Auszubildenden Angst einjagen – mit Absicht mal kurz nach rechts leicht von der Straße abkommen.

Hehehe, er bekommt Angst.

Und gleich nochmal, diesmal aber ohne Absicht, sondern die Folgen des achten oder neunten Biers von gestern Abend.

Egal – Zweck erfüllt.

Arbeitsstelle – Aufgabe: Unkraut jäten an der Schule.

Was soll ich tun, Herrn Scholz?

Boah, ist der blöd.
Nichts kann man mit dem anfangen – typisch heutige Jugend.

Zigarette (Nummer acht).

Aus Wut gleich aufgeraucht.

Zigarette (Nummer neun).

Unkraut jäten. Unkraut ist das was da nicht hingehört, also sowas wie du, du nutzloses Stück Scheiße.

Und jetzt hopp, hopp, hopp, nicht faul rumstehen sondern arbeiten.

Wird’s bald?

Auszubildender arbeitet, ich rauche (Nummer zehn).

Der Mistkerl reißt alles raus, was für ein Volldepp.

Muss ich mich schon wieder aufregen, noch vor der Brotzeit.

Zigarette (Nummer elf)

Auszubildenden erklären, was er machen muss.

Schaut mich an wie fünf Meter Feldweg.

Die blöde Drecksau versteht auch wirklich gar nichts.

Zigarette (Nummer zwölf)

Brotzeit – endlich Pause.

Zigarette (Nummer 13 und 14).

Weiterarbeiten, hopp hopp hopp.

Ich rauch noch schnell eine (Nummer 15).

Oder zwei. (Nummer 16)

Zur Abwechslung mal arbeiten. Mach ja eh alles ich.

Währenddessen drei Zigaretten (Nummer 17-19).

Viereinhalb Jahre noch, dann geh ich in Frührente.

Vielleicht fahr ich dann noch nebenbei ein bisschen Bus.
Mittag.

Essen, was Mutti am Vortag hergerichtet hat.

Schon wieder Streichwurst, wie oft muss ich der noch sagen, dass ich keine Streichwurst mag.

Und das Brot schon wieder zu dick geschnitten.

Nichts kann die sich merken, rein gar nichts.

Ess ich trotzdem, wird ja sonst schlecht. Was Anderes hab ich auch nicht.

Zigarette (Nummer 20).

Mittagspause eigentlich vorbei – egal, jetzt erst mal Mittagsschlaf.

Auszubildender geht arbeiten – Streber.

Rausch ausgeschlafen, Mittagspause so um eine Stunde verlängert. Muss der Chef ja nicht erfahren.

Zigarette … Oh scheiße, Schachtel schon leer.

He, Auszubildender geh mir Zigaretten kaufen!

Marlboro Gold.

Aber nur die, wennst was anderes kaufst, kannst den Dreck selber rauchen.

Doch, du gehst schon!

Alles muss man selber machen.

Endlich – Zigarette (Nummer 21).

Auf den Entzug gleich noch eine (Nummer 22).

Oder zwei (Nummer 23).

Arbeiten.

Zehn Minuten lang.

Sich mit Anwohner unterhalten.
Dabei Zigarette (Nummer 24).

Sind einer Meinung, dass bei Adolf damals alles besser war.

Hätte es bei ihm alles nicht gegeben.

Der wird heute viel schlechter dargestellt, als er war.

Zigarette (Nummer 25).

Sowas wie der Auszubildende hätte damals schon gelernt zu spuren.

Disziplin fehlt dem eindeutig, sieht der Rentner auch so.

Dem hätte Militär nicht geschadet.

Zigarette (Nummer 26).

Rentner geht leider schon wieder. (nach eineinhalb Stunden)

In einer Stunde ist endlich Feierabend – Zeit wird’s.

Schon mal zusammenpacken.

Auszubildender hat nicht viel geschafft.

Zumindest nicht so viel, dass nach der Arbeit von zwei aussieht.

Mist.

Geräte aufladen.

Zigarette (Nummer 27).

Richtung Bauhof fahren.

Währenddessen Zigarette (Nummer 28).

Blick zu Auszubildenden – verzieht das Gesicht.

Rauch absichtlich zu ihm rüberblasen.

Ankunft Bauhof.

Zigarette (Nummer 29).

Abladen.

Die anderen arbeiten noch.

Oder sie tun eher so.

Kurz vor Feierabend werden die Faulen fleißig.

Sowas hab ich nicht nötig.

Wir haben unsere Arbeit heute wieder gemacht. Und zwar sauber. Kann keiner was sagen. Da haben wir schon was getan heute.

Der Auszubildende? Der war in Ordnung, aber sehr langsam. Der ist einfach nicht für uns gemacht.

Zigarette (Nummer 30).

Bei mir wars heute auch wieder anstrengend. Ich war ja ganz allein draußen.

Der Auszubildende? Nee, der bringts nicht, da hab ich zehnmal so viel gemacht wie der. (Auf jeden Fall zehnmal so viel geraucht)

Zigarette (Nummer 31).

Heute Abend? Ich mach nicht mehr allzu viel, Fußball schauen, nebenbei Bier trinken und rauchen. (vermutlich Nummer 32-40).

Jetzt dann erst mal schaun, was Mutti gekocht hat.

Schönen Feierabend.

Bis morgen.

Dom Neu am 10.11.14 19:48, kommentieren

Der Kommissar und die Wies'n

So sehr sich die allgemeine Stimmung an der Isar auch verdunkelte - nicht wenige dachten vermutlich bewußt oder zumindest unterbewußt an die Kriegsjahre zurück, dem einzigen Ausfall der Wiesn überhaupt bislang, vom alten Napoleon, Kaiser der Franzosen, in vordenklicher Zeit einmal abgesehen, und wurden noch ein bißchen wehmütiger - so ganz und gar egal war es dem Kommissar. Je seltener diese überschwänglich nihilistische Sauforgie abgehalten wurde, desto besser. Außerdem hatte der Alte schon als Kind nicht verstanden, warum die Leute überhaupt immer vom 'Oktoberfest' sprachen. Immerhin fand das meiste Brimborium sowieso schon im September statt und von einer 'Wiesn' im klassischen Sinne konnte auch gar keine Rede sein. Wenn man Mitte September noch einige Grasbüschel zwischen dem Kies und dem Straßenschotter ausmachen konnte, so konnte man sich ebenso sicher sein, daß sie spätestens bis Mitte Oktober restlos von den Schuhsohlen aber-tausender und mehr Besucher und Suffköpfe niedergetrampelt worden waren.
Das mit der Polizei und dem Oktoberfest lief für gewöhnlich jedes Jahr in etwa nach dem selben Muster ab. Wenn die feuchtfröhliche Zeit näher rückte, reservierte üblicherweise eine der Chefsekretärinnen vorsorglich und mit einem gerüttet Maß an Vorlauf eine ausreichende Zahl an Tischen mit genügend Sitzplätzen für sämtliche Abteilungsleiter, Kommissare, Hauptwachtmeister, Obermeister, Meister, Doktoren, Empfangsdamen, den Hausmeister, standesgemäß natürlich für den Direktor höchstselbst und selbstredend auch für gute Spezln und am Ende blieben auch ein paar für die Schreibdamen selbst übrig und vielleicht noch ein paar mehr - und aufgerechnet mochten das am Ende gut und gerne einmal 100 Plätze sein, wenn es reicht.
Verlässliche fünf Wochen später dann ließ für gewöhnlich der Chef in der Regel über seinen Stellvertreter telefonisch vorfühlen, ob man nicht auch in diesem Jahr wieder eine Tischreservierung für die Belegschaft vornehmen sollte. Nach Möglichkeit dann wohl das selbe Prozedere wie immer. Über die ganzen drei Wochen. Für 50 Leute dann vermutlich. Das wäre sehr freundlich. Die Dame, die den Anruf entgegen nahm, sagte ja, natürlich, man werde sich gleich darum kümmern – während sie natürlich genau wußte, daß zum einen längst schon reserviert worden war und zum anderen inzwischen, nur zwei Wochen vor Beginn, vermutlich nicht mehr ein einziger Platz zu bekommen sein würde in den großen Festzelten - und der Herr Vizedirektor sagte vielen Dank. Die Vorzimmerdamen unternahmen natürlich nichts weiter und widmeten sich wieder ihren anderen Tätigkeiten, bis erwartungsgemäß vier oder fünf Tage vor der feierlichen Eröffnung und dem damit verbundenen Bieranstich einer der Abteilungsleiter nach einigem zaghaften Klopfen hereinkam und ein wenig verlegen von einem Fuß auf den anderen trat. Ebenso höflich wie gespielt unwissend von einer der Damen gefragt, welches denn sein Anliegen sei, druckste er dann herum:
»Nun ja. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.»
»Immer nur heraus damit. Nicht so schüchtern.»
»Es steht mir ja eigentlich nicht zu darüber zu urteilen, wie -»
»Um was geht es denn eigentlich, junger Mann?», blieb die etwas ältere Sekretärin weiter bestimmt höflich. Sie genoß das Spiel von Jahr zu Jahr mehr.
»Wegen der Wiesn, also dem Stammtisch, dem Polizisten-Stammtisch, also mehr der Reservierung wegen, ja ich weiß auch nicht recht.»
»Was ist damit? Der Herr Vizedirektor hat bereits reservieren lassen. Vor einigen Tagen schon. 50 Plätze. Im Schottenhammel. Wie immer.»
»Genau darum geht es ja irgendwie.»
»Wie, irgendwie?»
»Ja ich meine, das ist ja etwas wenig. Meinen Sie nicht auch?»
»Ich? Wieso sollte ich mich in die Angelegenheiten der Chefetage einmischen? Ich meine gar nichts.»
»Ja schon, nur -»
»Nur was?» Ihr Tonfall war nach wie vor sehr ruhig. Davon abgesehen mußte sie sich aber schon beherrschen, nicht lauthals loszulachen.
»Es ist nur so, daß wir uns in der Abteilung gefragt haben, weil wir ja schon im letzten Jahr so viele waren.»
»Und?»
»Ich wollte nur sagen, daß, also von den Kollegen ausrichten, daß, also wir bräuchten vielleicht etwas mehr Platz, vom Platz her.»
»Mehr als der Herr Vizedirektor bestellen hat lassen?», fragte sie leicht süffisant.
»Ich fürchte, ja.»
»Und an welchen Umfang hatten Sie da gedacht, Ihre Kollegen und Sie, wenn man fragen darf?» Nun mußte sie doch ein wenig schmunzeln.
»Naja, wenn Sie so fragen, sagen wir hundert? Vielleicht», fügte er vorsichtig hinzu.
»Und da haben Sie gedacht, Ihre Kollegen und Sie, da könnte man ja möglicherweise ins Chefsekretariat spazieren, weil man da ja immer die Reservierung für die Tische macht, und nachfragen, ob man da nicht vielleicht noch einmal nachbestellen könnte, wie?»
»Also ja, etwas in der Art.»
»Wenn die Wiesn praktisch schon angefangen hat?»
»Ja, also ähm.»
»Verstehe.»
»Meinen Sie -?»
»Wir werden zusehen, was wir da noch tun können. Wenn wir etwas tun können.»
»Mein Gott, Sie wissen ja gar nicht, was für einen riesigen Gefallen Sie mir tun.»
»Ja mei, dafür sind wir doch da.» Dazu lächelte sie ihn nachsichtig an.
»Und Sie rufen dort gleich an? Bei der Brauerei, meine ich.»
»Als Erstes nach Mittag.»
»Gott sei Dank. Die Kollegen und ich waren schon ganz besorgt. Es ist doch so ein festliches Ereignis immer. Das ganze gesellige Zusammensein, die Ratscherei, das Essen.»
»Und das Bier, na freilich.»
»Ja, das am Ende auch. Vielen, vielen herzlichen Dank noch einmal. Vergelt's Gott. Sie wissen ja gar nicht -»
»Schon recht.»
Und damit waren alle glücklich. Die Herren Direktoren, weil sie sich abermals ihrer Weitsicht wegen rühmen lassen konnten zur rechten die besten Plätze für ihre hart arbeitenden Männer gesichert zu haben. Die hart arbeitenden Männer, weil sie sich für die gute Idee, das knappe Kontingent in letzter Sekunde doch noch etwas aufzustocken, gegenseitig auf die Schulter klopfen konnten. Die Damen aus dem Sekretariat, weil sie längst alles Nötige in die Wege geleitet hatten und sich nun ganz entspannt über die Blödheit der Mannsbilder amüsieren konnten. Und zu guter Letzt Alois Bernbichler, weil er sich in diesem Jahr, den stets umsichtigen Vätern der Stadt sei es gedankt, den ganzen Schmarrn getrost sparen konnte.

Gerd Traut am 7.6.14 12:49, kommentieren

Ein Abend (Anfang einer neuen Geschichte)

Ein Abend (Mai 2013)

Immer wieder sah ich zu dem einen Platz in der Ecke hinüber. Er saß schon die ganze Zeit alleine da, nur das immer selbe Bier vor sich. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn schon einmal hier gesehen zu haben und ich kannte eigentlich alle Gäste.
Ich kann es nicht genau erklären, was mich an diesem Abend im Speziellen so nervös machte, aber schon, wenn ich einmal fünf Minuten keine Zeit hatte nachzusehen, ob er noch dasaß, machte mich das bereits unruhig. Obwohl doch rein gar nichts passierte. Es war nicht so, dass er besonders anziehend gewirkt hätte. Völlig unscheinbar bei objektiver Betrachtung. Und ausgehungert war ich auch nicht. Dennoch ließ mir dieser Typ keine Ruhe. Sogar mein Chef hatte mich schon zwei, drei mal angestoßen, ich solle mit der Arbeit zumachen. Er sehe es nicht ein, die ganzen Gäste allein zu bedienen. Und zu tun gab es wirklich genug.
Warum erleichterte es mich jedes Mal, wenn ich nur flüchtig hinsah und er saß noch immer da. Noch immer allein. Ich kannte ihn nicht, aber ich fand es richtig. Zwischen den Gästen kam ich vielleicht jeden Viertelstunde einmal dazu, einen Blick hinüber zu riskieren und es bot sich immer dasselbe Bild. Es war seltsam aber irgendwie wirkte es auch fast normal. Das Bier war halbleer, musste inzwischen wahrscheinlich ungenießbar sein. Nicht dass ich ihn einmal davon trinken sah. Als sich auch gegen 10 oder viertel nach 10 noch keine sichtbare Änderung eingestellt hatte, schickte ich Melanie, die Bedienung, mit einem frischen Bier raus, das ich eben nicht völlig unabsichtlich zu viel gezapft hatte. Ich gab ihr dazu einen knappen Gruß mit und irgendeinen Spruch wegen des schalen Bieres, den ich selbst nicht wirklich für witzig hielt. Ich hatte mir natürlich vorgenommen, zu beobachten, wie sie es ihm servierte, aber irgendwas lenkte mich ab und als ich das nächste Mal schaute, stand das Bier schon vor ihm. Es sah nicht wesentlich anders aus als zuvor, nur dass das Glas nicht mehr halb leer war sondern ganz voll. Der Kerl sah nicht einmal herüber, was mich ein bisschen eingeschnappt zurückließ. Als Melanie wieder für eine neue Bestellung zu mir an die Theke kam, richtete sie mir immerhin seinen Dank für das Bier aus. Aus irgendeinem Grund war ich aber noch immer nicht völlig zufrieden und beschloss, den unbekannten Gast erst einmal zu ignorieren, was mir zunächst auch ganz gut gelang. Eigentlich sogar bis kurz vor Ladenschluss, als es so leer wurde, dass ich ihn als einen der letzten Gäste gar nicht mehr ohne weiteres übersehen konnte.
Melanie war schon vor einer knappen halben Stunde in Feierabend gegangen, die Uhr über dem Schnapsregal zeigte sieben nach zwölf und mein Chef hatte sich schon für die Tagesbestellungen in das Büro zurückgezogen wie immer, wenn er langsam die Lust verlor und eigentlich zumachen wollte. Mir machte das üblicherweise nicht viel aus. Ins Bett wollte ich noch lange nicht. So oder so. Die verbleibenden Gäste konnte man fast an einer Hand abzählen. Aber es war auch Mittwoch. Wer blieb da schon so lange aus? Ich vertrieb mir die Zeit bis Schankschluss damit, Gläser zu spülen. In zehn Minuten würde ich die letzte Runde ankündigen, um auch die verbliebenen Gäste noch vor eins aus der Kneipe zu bringen. Sie kannten das Prozedere ohnehin. Auch mein spezieller Gast war noch unter den wenigen Anwesenden und sein zweites Bier, das ich ihm hatte bringen lassen war noch nicht einmal halb ausgetrunken. Es war wirklich seltsam, aber andererseits begegnete man in einem Job wie meinem doch ständig irgendwelchen abgefahrenen Typen, aus denen man am Ende des Abends doch nicht schlau wurde. Und was machte das schon? Man konnte ja nicht immer alles verstehen. Und überhaupt, wer würde das schon ernsthaft wollen?
Als ich gerade dabei war, mir irgendwelche weiteren Gedanken zu irgendetwas zu machen, kam mein Chef wieder hinter den Tresen. Er machte einen leicht verplanten Eindruck.
„Hast du schon die letzte Runde gemacht?“
„Nein, wollt ich aber gleich machen.“
„Sei so lieb, ja. Ich bin hundemüde. Kopfschmerzen. Ich will ins Bett.“
„Klar. Du kannst ja auch jetzt schon gehen. Den Rest schaff ich schon allein.“
„Weißt du, wo der Schlüssel ist?“
„Ja.“
„Und die Kombination für die Alarmanlage?“
„Sicher. Ist ja nicht das erste Mal. Keine Sorge. Geh heim und leg dich hin. Mir passiert schon nichts.“
„Als ob ich mir um dich Sorgen machen würde. Eher schon um meinen Laden. Wehe du baust Scheiße. Ich reiß dir den Arm aus, mein Fräulein!“
Dazu brauchte ich nichts mehr zu sagen. Ich wartete ab, bis mein Chef seine Jacke geholt hatte und bereit war zu gehen. Dann tat er es endlich, nicht ohne mir noch einmal das heilige Versprechen abzunehmen, nicht mehr zu lange zu machen und alles gut zuzusperren, doch er ging. Ich war erleichtert und fühlte mich ziemlich gut. Ein bisschen wie mein eigener Herr. Scheiß auf die Verantwortung. Freibier für alle. Doch das sagte ich natürlich nicht laut. Ich wollte mein sauer verdientes Geld nicht in den Rausch irgendwelcher Quartalssäufer investieren. Ich tat also, was getan werden musste und rief zur letzten Bestellrunde. Alle orderten sich noch ein Bier. Außer ihm. Aber er hatte auch noch. In der Folge hatte ich genug damit zu tun, zu zapfen und das Bier rauszubringen, sodass es mir erst gar nicht auffiel. Er war gegangen. Unter seinem fast leeren Bierglas lag ein zerknitterter Zehner. Kein weiterer Kommentar, kein Wechselgeld. Mir sollte es recht sein.
Wie üblich ließen sich die letzten Stammgäste relativ einfach mit der Rechnung vertreiben und die übrigen Verdächtigen ließen wie immer anschreiben. Dazu die üblichen bierseligen Komplimente für meinen Hintern und mein ach so bezauberndes Lächeln. Soweit nichts ungewöhnliches. Ich wischte noch halbherzig die Tische ab, während die Nachtschwärmer und Hoffnungslosen aus der berauschten Wärme der Gaststube sickerten und sich einsam im Dunkel zerstreuten. Zuletzt sperrte ich noch den Zapfhahn ab, nahm meine Jacke und machte die Alarmanlage scharf. Das Licht war aus für heute. Gerade als ich den Schlüssel wieder in meine Tasche steckte, fiel mir der seltsame Kerl von vorhin ein. Wohin er plötzlich wollte oder was er überhaupt hier gemacht hatte? Interessiert hätte es mich schon. Diese seltsam undurchsichtige Aura oder – ach quatsch! Fang jetzt nicht mit so einer Esoterik-Kacke an. Das ist ja peinlich. Nein, aber etwas an ihm hatte mich doch angezogen. Seltsam aber bestimmt. Ich will ja gar nicht abstreiten, dass ich die ganze Zeit zu ihm rübergeglotzt habe. Aber wieso eigentlich? Darüber hatte ich mir nicht einen Gedanken gemacht. Es war einfach so. Musste. Weder sah er gut aus – na gut, auch nicht hässlich, aber sorry Mann, eben keine Granate – und gesagt hat er auch nichts, zumindest nicht zu mir, also ein Frosch – oder bloß ein Kerl, der seine Ruhe haben wollte, schon daran gedacht, Prinzesschen? Gut, ist ja gut, keine unbegründeten Vermutungen mehr. Dann brauchst du eigentlich gar nicht mehr über ihn nachzudenken, denn was weißt du schon. Richtig, rein gar nichts. Punkt. Ende.
Und doch …
Quatsch. Lass einfach.

Bon Traut am 17.6.13 13:08, kommentieren

Neuer Roman: Ausgespielt

Am kommenden Dienstag erscheint Dominik Neumayrs erster Roman "Ausgespielt". Aus diesem Anlass findet an eben diesen Dienstag um 20 Uhr eine Lesung im Café Mana in Ingolstadt statt. Weitere Lesungen in Wolnzach und Eichstätt sind derzeit in Planung.

Darum geht es in "Ausgespielt":

Markus ist ein griesgrämiger, unfreundlicher und alternder politischer Kabarettist. Doch von dem Erfolg einstiger Tage ist nicht mehr viel geblieben – das Geld, seine Frau, sowie auch die meisten seiner Fans sind weg. Trotzdem organisiert sein Freund und Manager Franz nochmal eine Tour durch Deutschland. Markus wird dabei von dem jungen Nachwuchskabarettisten Karl begleitet, den er von Vornherein nicht leiden kann. Nur blöderweise muss Markus seinen jungen Kollegen fördern, sonst wird Franz keine Tour mehr für ihn veranstalten. Mit Markus und Karl prallen zwei Welten aufeinander, die sich jedoch nur auf dem ersten Blick unvereinbar scheinen. Denn eigentlich sind sich beide Kabarettisten ähnlicher, als sie es sich selbst eingestehen wollen.

 

Eine kleine Leseprobe:

 

Als Markus wieder aufwacht, fahren sie nicht mehr. Das Auto steht auf einem Parkplatz. Der Fahrersitz ist leer. Vielleicht ist Karl gerade auf dem Klo. Eigentlich müssten sie schon am Ziel sein, es ist kurz nach eins. Kurz bevor er einschlief, hat sich Markus ausgerechnet, dass sie bei normaler Verkehrslage so gegen zwölf Uhr ankommen müssten. Wenn man Karls sehr defensive Fahrweise berücksichtigt, kann man getrost eine Stunde dazuzählen. Aber das zu dem Parkplatz gehörende Gebäude kann doch unmöglich der Ort ihres heutigen Auftritts sein? Markus war zwar schon oft in Rostock zu Gast, jedoch tritt er heute Abend zum ersten Mal in der ‚Grauen Maus‘ auf. Wenn das der Laden vor ihm ist, dann will er hier auch nie wieder herkommen. Schon von außen erkennt man, dass hier länger nichts mehr investiert wurde – das Gebäude wirkt schäbig und dem Verfall preisgegeben. Der Parkplatz ist verwaist, überall wachsen Pflanzen und kleinere Sträucher aus dem gepflasterten Boden, bei dem sich zudem auch überall Steine anheben. Hier soll er heute Abend auftreten? Das kann nicht sein. Karl muss sich verfahren haben. Würde Markus auch nicht wundern, wenn Karl den Weg nicht gefunden hätte. Wobei da gab es doch dieses nervige Navigationssystem, das die ganze Zeit auf sie einquasselt. Aber wahrscheinlich kriegt es Karl sogar unter der ständigen Ansage dieser Maschine hin, sich zu verfahren. Oder das Navigationssystem weiß selber nicht, wo sie hin müssen. Immerhin hat es eine weibliche Stimme und Frauen sind bekanntermaßen nicht so gut im Lesen von Straßenkarten. Und eine Frau mit Orientierungssinn – gibt es denn so etwas überhaupt? Markus versucht sich das mit großer Mühe vorzustellen, wird in seinen Überlegungen aber vom zurückkommenden Karl unterbrochen. Dieser öffnet die Fahrertür und setzt sich wieder auf seinen Sitz.

„Ich glaube, wir sind hier falsch.“

„Das will ich aber auch hoffen. In dieser Bruchbude trete ich sicherlich nicht auf.“

„Wir sind auch nicht bei der ‚Grauen Maus‘, sondern bei der ‚Blauen Maus‘, die wohl schon seit längerem zu hat und auch keine Kabarettbühne ist.“

„Sie haben sich also verfahren.“

„Nein, das habe ich nicht. Ich bin dem Navigationssystem gefolgt.“

„Dann hat halt das Ding keine Ahnung. Oder sie können es nicht bedienen.“

„Doch, das ist es nicht. Ich habe den Verdacht, dass die Adresse, die uns Herr Oblinger gegeben hat, falsch ist. Schauen Sie, hier steht ‚Keilstraße 8‘ und da sind wir auch gerade.“

„Aber wir sind trotzdem falsch?“

„Ja.“

„Haben sie schon jemanden nach dem richtigen Weg gefragt?“

„Nein, ähm, weil das ist ähm …, eher schlecht.“

„Warum? Sind sie etwa zu schüchtern?“

„Nein, aber hier sind nicht allzu viele Menschen auf der Straße. Es laufen nur ein paar leicht bekleidete Damen herum, die Ihnen nicht den Weg mitteilen, sondern Preise für bestimmte Leistungen.“

„Mensch, Ullfahn, wollen sie damit etwa sagen, dass wir hier im Rotlichtviertel sind?“

„Ich befürchte ja.“

„Mensch, das ist ja toll!“

„Wie bitte?“ Karl wirft einen irritierten und verständnislosen Blick zu Markus, welcher die Frage beinhaltet, ob dieser das gerade ernst meint.

„Nur ein kleiner Spaß, haha.“

„Was machen wir jetzt?“

„Hier bleiben.“

„Ernsthaft?“

„Nein, natürlich nicht. Ich würde nie gemeinsam mit ihnen in ein Etablissement gehen. So etwas macht man allein.“

„Soll ich mal bei Herrn Oblinger anrufen und ihn nochmal nach der Adresse fragen?“

„Aber wir sind hier doch richtig, oder? Sie sagten ja zumindest gerade, dass die Adresse von dieser Bruchbude da vorne mit der hier“, Markus tippt mit dem Finger auf ein Blatt Papier, „übereinstimmt.“

„Aber dieser Club hat zu. Wohl schon seit Längerem.“

„Dann können wir heute halt nicht auftreten, sondern machen uns einen schönen Abend. Am besten gleich hier.“

„Vielleicht gibt es hier irgendwo ja auch noch eine ‚Graue Maus‘.“

„Karl, sie finden in solchen Läden eine Menge Klassefrauen, da brauchen sie keine graue Maus. Außer sie stehen eher auf den Typ graue Maus, in guten Läden haben sie auch solche da.“

„Entschuldigung, ich verstehe gerade nicht so recht – wovon reden Sie gerade?“

„Von der grauen Maus.“

„Haben Sie in der schon mal gespielt?“

„Ich hab schon mit der ein oder anderen grauen Maus gespielt – das können sie mir glauben.“

„Wissen Sie noch, wo das war? Weil dann finden wir ja vielleicht doch noch hin.“

„Wie, wo es war? Daheim und auf Reisen.“

„Wovon reden Sie denn jetzt schon wieder?“

„Von den grauen Mäusen.“

„Ach, da gibt es mehrere?“

„Aber Karl, natürlich. Mehr als sie denken.“

„Ich dachte, die gibt es nur hier in Rostock.“

„Da gibt es in jeder Stadt zahlreiche. Ein Allgemeingut sozusagen.“

„Und wo ist die ‚Graue Maus‘ hier in Rostock?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Ich dachte, Sie waren da schon einmal?“

„Nein, in Rostock war ich noch nicht so oft.“

„Ich dachte, Sie haben in Rostock schon mal in der ‚Grauen Maus‘ gespielt.“

„Sind wir jetzt wieder bei der Kabarettbühne?“

„Wieso wieder? Haben Sie etwa über etwas Anderes gesprochen?“

„Ja, sie nicht?“

„Nein.“

„Ach so.“

„Worüber haben Sie denn gerade gesprochen?“

„Nicht so wichtig.“

„Also wissen Sie nun, wo hier in Rostock die ‚Graue Maus‘ liegt.“

„Nein, da hab ich noch nie gespielt. Bis zur vorhergehenden Tour waren wir immer in irgendeiner Bruchbude, deren Namen ich nicht mehr weiß, die am Tag nach meinem letzten Auftritt dann auch abgerissen wurde.“

„Seltsamer Zusammenhang.“

„Karl, unterstehen sie sich.“

„Entschuldigung. Stellt sich immer noch die Frage nach der korrekten Adresse.“

„Ich befürchte, da kann ich ihnen auch nicht weiterhelfen.“

„Ja gut, dann ruf ich mal schnell Herrn Oblinger an.“

„Wenn sie meinen – nur zu.“

 

 

Dom Neu am 6.3.13 08:16, kommentieren

Im Strom

Endlos langgestreckt sich ziehend
Straßen, längs, quer, unentwirrbar,
Werden eingezäunt, bedrohlich,
Von hohen dunklen Gebäuden.

Ausgespuckt, wie von einem Schlot
Drängt, schiebt immer vorwärts nur die
Graue Masse aus Tausenden,
Ratten gleich, durch das Labyrinth.

Eingeengt von allen Seiten her,
Unerkannt zwischen stählernen Trams
Geschoben, nicht wissend wohin.

Unangeschaut, doch nebeneinander,
Flüchtig blickend, gehetzt, ohne Zeit,
Niemals verharrend: Gefangen im Strom.

Gerd Trauti am 18.11.12 19:15, kommentieren