Liebe (Anfang einer Kurzgeschichte)

Ich drängte mich vorbei an der Menschenmenge, die sich vor dem Haus angesammelt hat. Ich hatte sie nicht auf dem Handy erreicht. Deswegen wollte ich mich vergewissern, dass alles in Ordnung war. Natürlich war es das nie. Die Leute starrten und deuteten nur alle nach oben, aber ich sah nicht hin. Ich musste selbst dorthin. Ein Polizist, der an der Absperrung stand, wollte mich zurückhalten, doch ich duckte mich unter seinem Griff hindurch und überwand die Barriere. Bevor er mir nachlaufen konnte, war ich durch die Tür und er hatte wieder mit den Menschen vor sich zu tun. Er vergaß aus irgendeinem Grund, seinem Vorgesetzten Bescheid zu geben. Es wäre eh zwecklos gewesen, denn es dauerte alles nicht lange. Ich kannte das Haus. Es war unsere ehemalige Schule.
Sie hatte blondes, kurzes Haar und war mir zum ersten Mal in der sechsten Klasse aufgefallen. Ihren Namen kannte ich damals noch nicht und heute will ich mich nicht mehr an ihn erinnern. Trotzdem dauerte es fast fünf Jahre, bis ich mich das erste Mal traute, sie anzusprechen. Sie kannte mich und das war wie ein Wunder für mich. Wir haben uns einen Sommer lang immer und immer wieder getroffen. Es war die Zeit unseres Lebens. Nur zu einem Kuss kam es nie. Dennoch wusste ich von diesem Tag, an dem wir gesprochen hatten an, dass ich sie liebte. Ich wusste nur nicht, ob sie dasselbe fühlte. Ich fragte sie nie.
Am Ende der Ferien war sie weg. Von der Schule, aus der Stadt. Aus meinem Leben. Ich hatte nur von einem Nachbarn erfahren, dass man weggezogen war. Wohin wusste er nicht. Woher auch. Die Familie war verschlossen. Sie hatte mir nichts gesagt. Ich war nicht mehr derselbe. Als ob ein Teil fehlen würde und meine Freunde sagten, ich solle mich nicht hängen lassen. Es gebe andere Mädchen. Sie sei eh komisch gewesen. Meine Eltern sagten dasselbe. Dabei kannten sie sie gar nicht. Nur einmal, war sie zu Besuch gewesen und wir hatten in meinem Zimmer gesessen und hatten geraucht. Weil es verboten war und wir jung. Dazu lief Musik. Ich hatte damals einen Plattenspieler. Das war cool. Ich hatte nur zwei Platten. Eine von Tina Turner und eine von den Doors. Natürlich liefen die Doors. Sie erzählte nie von sich. Nur auf Nachfragen und auch dann bloß ausweichend, fast, als habe sie Angst, zu viel von sich preiszugeben. Ich redete viel und laut. Ich musste meine Hemmschwelle ein ums andere Mal überwinden, glaubte es jedenfalls. Das Mädchen war ein Mysterium, aber ich hatte in ihre Augen gesehen und war verloren gewesen. Äußerlich mochte sie nicht gerade eine Schönheit sein. Ihre Nase war ein wenig zu lang, ihre Ohren klein und die Haare viel zu kurz. Doch für mich war sie alles. Ich wäre ihr überall hin gefolgt in diesem Sommer. Doch sie ließ es nicht geschehen. Frank und Thomas besuchten mich von Zeit zu Zeit. Selten einmal brachten sie mich dazu, mit ihnen raus auf die Straße zu gehen. Manchmal zog es uns zu dem Skater-Park. Doch ich sah nur abwesend zu. Sie machten sich alle Sorgen und doch sagten sie nichts weiter. Ich solle nur vergessen, aber wie hätte ich das können?
Als das Schuljahr wieder begann, sackten meine Noten ab und die Kollegstufe wurde zur Hölle für mich. Ich wurde wegen meiner Einstellung getadelt. Ich solle mich anstrengen, mich konzentrieren. Und doch wollte ich das alles nicht mehr. Es machte einfach keinen Sinn mehr für mich. Irgendwie schaffte ich die Schule und rettete mich ins Studium. Ich war ausgemustert worden, weil man mich für depressiv hielt. Ich traf mich wieder mit Frauen und zum Schein nahm ich mir eine Freundin. Sie hatte es sicherlich nicht verdient, war wahrscheinlich sogar verliebt in mich. Ich konnte das nicht erwidern, doch sie schien das nicht zu stören. Trotz allem machte ich mich gut und fügte mich ins System. Ich wurde wieder gelobt. Wie früher. Und es tat mir gut. Die Sommer kamen und gingen, doch sie kam nicht zurück. Manchmal erzählte ich Melanie von ihr und von unseren Wochen zu zweit. Sie sagte, sie würde dann immer ein wenig eifersüchtig, auch wenn sie wisse, dass das vorbei sei. Wenn ich dann sagte, dass es das niemals sei, stutzte sie immer und lachte dann. Ich tat ihr den Gefallen und machte mit. Sie war zu gut. Ich wollte sie nie verletzen. Niemand hatte ahnen können, dass sie zurück in der Stadt war. Fünf Jahre später war sie wieder da.
Die Szene spielte sich in einer halb besetzten U-Bahn ab. Ich hing einigen Gedanken an meine Arbeiten nach, als mein Blick auf die roten Handschuhe fiel. Etwas in meinem Kopf rutschte wieder an seinen Platz. Ich konnte es nur noch nicht zuordnen. An der nächsten Haltestelle stiegen einige aus und einige zu und da hob sie für einen Augenblick den Kopf und sah mich an. Sie war es. Daran bestand nie ein Zweifel. Dann stieg sie auch noch schnell aus und ich war zu überrascht um ihr nachzulaufen. Das war unser erstes Treffen seit so langem. Sie hatte mich erkannt und wieder war sie geflüchtet. Vermutlich hätte ich es einsehen sollen und mir eingestehen, dass es keinen Sinn machte, einem Geist nachzujagen. Doch diese Einsicht wurde mir erst viel später zuteil. Auf dem Dach dieser Schule, drei Meter vom Abgrund entfernt.

Gerd am 19.6.12 00:19, kommentieren

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Jungs und Mädels, wir sind wer. Unser erstes Buch ist seit heute bei amazon.de gelistet, zwar noch ohne Produktfoto, dafür aber mit einem schönen Bild des Autors Also, vorbestellen > Vergangenheitspartikel bei amazon

Gerd am 11.6.12 00:40, kommentieren

Fußspuren im Sand

Vor zwei Wochen hatte ich einem Literaturworkshop (bei Franziska Gerstenberg und Andre Hille) die Idee zu einer Kurzgeschichte mit dem Titel "Fußspuren im Sand". Ich hab damals auch an dieser Idee gearbeitet und sie gestern wieder aufgenommen und komplett überworfen. Heruasgekommen ist diese erste, durchaus überarbeitungsbedürftige Version:

 

Fußspuren im Sand

 Es waren nur unsere Fußspuren im Sand, aber Marie und ich waren nicht alleine. In unsere Zweisamkeit hatte sich jemand eingeschlichen, gleichsam als würde dieser Jemand zwischen, hinter, neben oder vor uns laufen. Marie war die ganze Zeit über stumm, sie schien sehr in ihre Gedanken vertieft zu sein.

„Was ist los mit dir? Du wirkst so bedrückt“, fragte ich sie schließlich nach einer Weile, wobei ich die Antwort schon kannte.

„Als ob du das nicht selbst wüsstest“, erwiderte Marie prompt gereizt.

Nachdem wir weiter schweigend den herbstlichen Stand entlanggegangen waren, fügte sie hinzu „Es ist wegen Friedrich.“

„Aha“, war alles was mir dazu einfiel.

Wir zogen weiter unsere Kreise durch den feuchten Sand, jedoch in sicherer Entfernung zur unruhigen See. Der Strand war leer, die Schirme waren längst abgebaut, die Liegen befanden sich bereits sicher in Lagerhallen verstaut im Winterschlaf, nur noch die Warnschilder, welche darauf hinwiesen, dass ab einer bestimmten Linie das Wasser für Kinder zu tief ist, sowie die Schilder, welche das Mitnehmen von Hunden an den Strand verbieten, standen noch.

„Mehr als ´aha` fällt dir dazu nicht ein? Machst du dir etwa keine Gedanken darüber, was mit deinem Sohn gerade sein könnte?“ Marie klang gereizt, nachdenklich, auch etwas verärgert.

„Ja was soll denn schon großartig mit ihm sein?!“

„Das fragst du noch? Unser Sohn ist allein in einem fremden Land, wo ihn keiner versteht und wo er keinen versteht. Allein“, fuhr mich Marie an und lief weg, wobei sie bei jeden Schritt in den Sand einsank. Ich überlegte kurz, ob ich ihr hinterherlaufen sollte, entschied mich aber dagegen, da ich sie eh in Kürze einholen würde, denn sie würde ihr hohes Tempo nicht lange aufrechterhalten können. Ich beschleunigte meine Schritte leicht und holte sie auch schon kurze Zeit später ein. Marie hatte angehalten, sie blickte wie abwesend auf die Wellen, die sich weiter hinten gefährlich hoch auftürmten, den Strand jedoch deutlich ruhiger erreichten. Ich nahm sie in den Arm, wir standen lange so da. Es musste ein komisches Bild gewesen sein, wenn jemand vorbeigekommen wäre, wobei diese Gefahr aufgrund der Jahreszeit und des Wetters recht gering war. Zwei Menschen, dick verpackt in Winterjacken, die den Wind und die Kälte nur leidlich abhielten, die sich minutenlang mitten am Strand umarmen und dabei ganz die Welt um sich herum vergessen. „Du musst auch mal loslassen können“, flüsterte ich Marie ins Ohr.

„Nein!“ durchbrach ihr Schrei die Stille, die traute Zweisamkeit, die nicht vorhandene Idylle. Sie riss sich aus meiner Umarmung und lief in Richtung Wasser. Bald schon stand sie bis zur Brust in diesem.
„Marie, bleib stehen“, rief ich ihr verzweifelt hinterher.

„Wieso? Das macht doch alles keinen Sinn mehr. Was, wenn er nicht wiederkommt? Was wenn er umkommt?“

„Wir haben doch immer noch uns.“

„Ich weiß nicht, ob ich so weiterleben kann.“ Ich stand mittlerweile ganz nah am Ufer, immer wieder erreichten die letzten Ausläufer der Wellen noch meine Schuhe. Ich konnte sehen, dass Marie Tränen in den Augen hatte. „Das macht doch sonst alles keinen Sinn mehr.“

„Marie komm wieder raus.“

„Was wenn er ein weiteres sinnloses Opfer dieses Einsatzes wird?“

„Und so lange willst du jetzt hier im Wasser stehen bleiben, bis Friedrich wieder zurück kommt oder nicht? Komm raus jetzt, wir gehen wieder nach Hause.“

„Er lebt doch eh schon nicht mehr. Sonst wäre er doch heute nach Hause gekommen.“

„Vielleicht kommt er morgen oder vielleicht hat er uns eine Nachricht zukommen lassen. Was, wenn er erst morgen nach Hause kommt und er dann erfahren muss, dass seine Mutter in der Nordsee ertrunken ist. Willst du das?“

Marie begann zu weinen, kam aber schließlich ganz langsam und bedächtig aus dem Wasser. Sie zitterte am ganzen Körper, sie fiel in meine Arme. Nachdem wir uns sehr lange umarmt haben, gingen wir alleine weiter und hinterließen nur noch unsere Spuren im Sand. Die unsichtbaren Spuren waren verschwunden und würden nicht mehr wiederkehren.

 

4 Kommentare Dom Neu am 9.6.12 14:04, kommentieren

freudige Ankündigung zum Mittwoch Mittag

Sie ist unter Dach und Fach.

1 Kommentar Gerd am 6.6.12 11:09, kommentieren

Rückblick und Ausblick

Eine Woche ist es schon wieder her, dass unsere erste lesung stattfand (Kinder, wie die Zeit vergeht!).
Wer dieses Top-Event des bisherigen Jahres verpasst haben sollte, der kann hier die Kritik auf den Blog des Festivals LiteraPur12 nachlesen:

http://literapur12.wordpress.com/2012/05/23/von-vergangenheit-und-zukunft-einsamkeit-und-freundschaften-die-young-bavarian-poets-lesen-im-studihaus/

Auch auf der Seite von Stadt Geschichte Zukunft, in dessen größeren Rahmen das Eichstätter Literaturfestival stand, kann man uns finden:

http://www.stadt-geschichte-zukunft.de/index.php?option=com_content&view=article&id=42:sgz-vor-ort&catid=47:eichstaett&Itemid=2

Und auch der Eichstätter Kurier berichtete in seiner Ausgabe vom letzten Freitag über uns (leider nur für Abonenten zu lesen):

http://www.donaukurier.de/lokales/eichstaett/Eichstaett-Ueberwaeltigt-von-der-Pracht;art575,2609612

Wir waren wirklich begeistert und total geflasht vom für Eichstätter Verhältnisse relativ großen Andrang, das gefiel uns wirklich sehr. wir haben uns sehr gefreut, dass Ihr alle da wart und hoffen, dass Euch das gefallen hat, was wir vorgelesen haben.
So viel zur Aufarbeitung - es geht aber noch weiter, denn wir planen bereits die nächsten Lesungen. Und ja, das ist eine Drohung und eine Bedrohung des guten Geschmacks und der öffentlichen Sicherheit. Alles über aktuelle Termine erfährt man hier oder auf unserer Verlagsseite, sowie auf unserer Facebook-Fanseite (die Links hierzu stehen rechts). Wer will, kann uns auch mieten (bevorzugt zum Lesen, aber Dom kann sehr gut Fenster putzen, Gerd ist ein Meister am Bügeleisen).

Eure Young Bavarian Poets

PS.: Fast hätte ichs vergessen, oder gar verdrängt - unser Verlag, der bayerische Poeten- und Belletristik-Verlag, ist dann auch jetzt ganz offiziell gegründet. Gerds Roman "Vergangenheitspartikel" befindet sich gerade in der letzten Phase des Lektorats und wird noch im Juni erscheinen und damit die erste Veröffentlichung unseres Verlags darstellen. Wer sein Buch bei uns veröffentlichen möchte, darf gerne mit uns Kontakt aufnehmen und bekommt dann einen ausbeuterischen Knebelvertrag. *wuhahaha*

Seitenbetreuer am 30.5.12 11:10, kommentieren