Der Kommissar und die Wies'n

So sehr sich die allgemeine Stimmung an der Isar auch verdunkelte - nicht wenige dachten vermutlich bewußt oder zumindest unterbewußt an die Kriegsjahre zurück, dem einzigen Ausfall der Wiesn überhaupt bislang, vom alten Napoleon, Kaiser der Franzosen, in vordenklicher Zeit einmal abgesehen, und wurden noch ein bißchen wehmütiger - so ganz und gar egal war es dem Kommissar. Je seltener diese überschwänglich nihilistische Sauforgie abgehalten wurde, desto besser. Außerdem hatte der Alte schon als Kind nicht verstanden, warum die Leute überhaupt immer vom 'Oktoberfest' sprachen. Immerhin fand das meiste Brimborium sowieso schon im September statt und von einer 'Wiesn' im klassischen Sinne konnte auch gar keine Rede sein. Wenn man Mitte September noch einige Grasbüschel zwischen dem Kies und dem Straßenschotter ausmachen konnte, so konnte man sich ebenso sicher sein, daß sie spätestens bis Mitte Oktober restlos von den Schuhsohlen aber-tausender und mehr Besucher und Suffköpfe niedergetrampelt worden waren.
Das mit der Polizei und dem Oktoberfest lief für gewöhnlich jedes Jahr in etwa nach dem selben Muster ab. Wenn die feuchtfröhliche Zeit näher rückte, reservierte üblicherweise eine der Chefsekretärinnen vorsorglich und mit einem gerüttet Maß an Vorlauf eine ausreichende Zahl an Tischen mit genügend Sitzplätzen für sämtliche Abteilungsleiter, Kommissare, Hauptwachtmeister, Obermeister, Meister, Doktoren, Empfangsdamen, den Hausmeister, standesgemäß natürlich für den Direktor höchstselbst und selbstredend auch für gute Spezln und am Ende blieben auch ein paar für die Schreibdamen selbst übrig und vielleicht noch ein paar mehr - und aufgerechnet mochten das am Ende gut und gerne einmal 100 Plätze sein, wenn es reicht.
Verlässliche fünf Wochen später dann ließ für gewöhnlich der Chef in der Regel über seinen Stellvertreter telefonisch vorfühlen, ob man nicht auch in diesem Jahr wieder eine Tischreservierung für die Belegschaft vornehmen sollte. Nach Möglichkeit dann wohl das selbe Prozedere wie immer. Über die ganzen drei Wochen. Für 50 Leute dann vermutlich. Das wäre sehr freundlich. Die Dame, die den Anruf entgegen nahm, sagte ja, natürlich, man werde sich gleich darum kümmern – während sie natürlich genau wußte, daß zum einen längst schon reserviert worden war und zum anderen inzwischen, nur zwei Wochen vor Beginn, vermutlich nicht mehr ein einziger Platz zu bekommen sein würde in den großen Festzelten - und der Herr Vizedirektor sagte vielen Dank. Die Vorzimmerdamen unternahmen natürlich nichts weiter und widmeten sich wieder ihren anderen Tätigkeiten, bis erwartungsgemäß vier oder fünf Tage vor der feierlichen Eröffnung und dem damit verbundenen Bieranstich einer der Abteilungsleiter nach einigem zaghaften Klopfen hereinkam und ein wenig verlegen von einem Fuß auf den anderen trat. Ebenso höflich wie gespielt unwissend von einer der Damen gefragt, welches denn sein Anliegen sei, druckste er dann herum:
»Nun ja. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.»
»Immer nur heraus damit. Nicht so schüchtern.»
»Es steht mir ja eigentlich nicht zu darüber zu urteilen, wie -»
»Um was geht es denn eigentlich, junger Mann?», blieb die etwas ältere Sekretärin weiter bestimmt höflich. Sie genoß das Spiel von Jahr zu Jahr mehr.
»Wegen der Wiesn, also dem Stammtisch, dem Polizisten-Stammtisch, also mehr der Reservierung wegen, ja ich weiß auch nicht recht.»
»Was ist damit? Der Herr Vizedirektor hat bereits reservieren lassen. Vor einigen Tagen schon. 50 Plätze. Im Schottenhammel. Wie immer.»
»Genau darum geht es ja irgendwie.»
»Wie, irgendwie?»
»Ja ich meine, das ist ja etwas wenig. Meinen Sie nicht auch?»
»Ich? Wieso sollte ich mich in die Angelegenheiten der Chefetage einmischen? Ich meine gar nichts.»
»Ja schon, nur -»
»Nur was?» Ihr Tonfall war nach wie vor sehr ruhig. Davon abgesehen mußte sie sich aber schon beherrschen, nicht lauthals loszulachen.
»Es ist nur so, daß wir uns in der Abteilung gefragt haben, weil wir ja schon im letzten Jahr so viele waren.»
»Und?»
»Ich wollte nur sagen, daß, also von den Kollegen ausrichten, daß, also wir bräuchten vielleicht etwas mehr Platz, vom Platz her.»
»Mehr als der Herr Vizedirektor bestellen hat lassen?», fragte sie leicht süffisant.
»Ich fürchte, ja.»
»Und an welchen Umfang hatten Sie da gedacht, Ihre Kollegen und Sie, wenn man fragen darf?» Nun mußte sie doch ein wenig schmunzeln.
»Naja, wenn Sie so fragen, sagen wir hundert? Vielleicht», fügte er vorsichtig hinzu.
»Und da haben Sie gedacht, Ihre Kollegen und Sie, da könnte man ja möglicherweise ins Chefsekretariat spazieren, weil man da ja immer die Reservierung für die Tische macht, und nachfragen, ob man da nicht vielleicht noch einmal nachbestellen könnte, wie?»
»Also ja, etwas in der Art.»
»Wenn die Wiesn praktisch schon angefangen hat?»
»Ja, also ähm.»
»Verstehe.»
»Meinen Sie -?»
»Wir werden zusehen, was wir da noch tun können. Wenn wir etwas tun können.»
»Mein Gott, Sie wissen ja gar nicht, was für einen riesigen Gefallen Sie mir tun.»
»Ja mei, dafür sind wir doch da.» Dazu lächelte sie ihn nachsichtig an.
»Und Sie rufen dort gleich an? Bei der Brauerei, meine ich.»
»Als Erstes nach Mittag.»
»Gott sei Dank. Die Kollegen und ich waren schon ganz besorgt. Es ist doch so ein festliches Ereignis immer. Das ganze gesellige Zusammensein, die Ratscherei, das Essen.»
»Und das Bier, na freilich.»
»Ja, das am Ende auch. Vielen, vielen herzlichen Dank noch einmal. Vergelt's Gott. Sie wissen ja gar nicht -»
»Schon recht.»
Und damit waren alle glücklich. Die Herren Direktoren, weil sie sich abermals ihrer Weitsicht wegen rühmen lassen konnten zur rechten die besten Plätze für ihre hart arbeitenden Männer gesichert zu haben. Die hart arbeitenden Männer, weil sie sich für die gute Idee, das knappe Kontingent in letzter Sekunde doch noch etwas aufzustocken, gegenseitig auf die Schulter klopfen konnten. Die Damen aus dem Sekretariat, weil sie längst alles Nötige in die Wege geleitet hatten und sich nun ganz entspannt über die Blödheit der Mannsbilder amüsieren konnten. Und zu guter Letzt Alois Bernbichler, weil er sich in diesem Jahr, den stets umsichtigen Vätern der Stadt sei es gedankt, den ganzen Schmarrn getrost sparen konnte.

Gerd Traut am 7.6.14 12:49

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen