Eine notwendige Veränderung

Hier eine "alte" Kurzgeschichte in völlig neuer, überarbeiteter Form:

Er fühlt sich so gut, wie schon lange nicht mehr. Es ist ein schöner sommerlicher Abend im Juli, eigentlich ist es eher schon Nacht. Eine dieser Nächte, die langsam und unbemerkt kommen und nur auf der Uhr als Nacht erkennbar sind, denn das abendliche Treiben geht ganz normal weiter, überall feiern glückliche Menschen oder sitzen in Straßencafés, die an solchen Tagen bis weit in die Nacht hinein belebt sind. Auch das schöne Wetter legt an solchen Tagen keine Ruhepause ein, denn auch jetzt ist es noch sehr warm, wenn auch nicht mehr gar so drückend heiß wie tagsüber. Christian denkt, es müsste wohl so gegen ein Uhr nachts sein, genau kann er das nicht sagen, er weiß nur noch, dass sie um zwölf das Restaurant verließen und seitdem sitzt er hier auf der in seinen Augen wunderschönen alten Donaubrücke. Unter ihm fließt friedlich und ruhig das Wasser entlang, welches in seinem beständigen Fließen unaufhaltsam zu sein scheint. Ein sicherer Platz, denkt sich Christian, so mit den Beinen durchs Geländer, die baumelnd in den Abgrund zeigen. An solchen Abenden wie heute sprang er früher an den Baggerseen spät nachts immer nochmal gerne in das kühle Wasser und drehte ein paar Runden. Doch heute fährt er nicht mehr raus vor die Stadt, sondern bleibt lieber hier. Warum weiß er selbst nicht so genau, aber die Zeiten von früher müssen auch irgendwann mal vorbei sein. Es ist Zeit für Veränderung, hat er sich in der letzten Zeit immer wieder eingeredet. Nur war der heutige Abend alles andere als eine Veränderung. Das Essen mit seinen besten Freunden war vielmehr ein Aufleben alter Zeiten. Aber der heutige Abend sollte der Beginn zu einer besseren Zeit sein. Ein Abschluss mit den letzten Monaten, die nichts Gutes mit sich gebracht haben. Und wie Christian jetzt so da sitzt und nachdenkt, umso mehr kommt er zu dem Ergebnis, dass es so wie heute gerne weitergehen könnte. Alles scheint so leicht, so gut. Die letzte Woche war voll von positiven Ereignissen und der heutige Abend setzte dem Ganzen geradezu eine Krone auf. Vergessen sind die Sorgen der Arbeitslosigkeit und das obwohl seine Prognosen alles andere als gut aussahen. Der Mann bei der Berufsberatung hat ihm vor knapp einem halben Jahr gesagt, dass es so ziemlich egal sei, wie gut sein Magisterarbeit ausfallen wird, denn einen studierten Germanisten brauche heute keiner mehr. Und jetzt sitzt Christian hier, mit einem sehr guten Magister und auch gleich mit einem relativ gut bezahlten Job. Für einen Berufseinsteiger wie ihn sogar geradezu hervorragend bezahlt und das obwohl er erst ganz unten auf der Karriereleiter steht, die auch nicht gerade schwer zu erklimmen zu sein schien. So können sich die Berufsberater irren, denkt sich Christian, aber er verspürt bei diesem Gedanken weder Genugtuung, noch Ärger oder ähnliche Gefühle, sondern vielmehr Mitleid mit dem Berufsberater. Er ist es doch, den eigentlich keiner mehr brauchte, egal wie kompetent er sein mag, wobei dies Christians Meinung nach Herr Müller sowieso nicht ist. Natürlich hatte Christian auch Glück, dass weiß er selbst. Aber es wird ja auch mal Zeit, dass das Glück sich auch mal ihn aussucht. In dieser Woche war er wirklich schon sehr mit Glück gesegnet, stellt Christian fest, während unten die ruhige und ahnungslose Donau immer weiter in Richtung Horizont fließt. Ihm fällt auf, dass er sich noch nie so genau Gedanken darüber gemacht hat, welchen Weg der Fluss eigentlich so bis zu seinem Ziel nimmt, für ihn war er einfach immer nur da, ohne dass man sich Gedanken darüber machen müsste. Könnte man sich ja mal anschauen, denkt er sich. Nur ob man die Ergebnisse der letzten Woche als Glück bezeichnen kann, ist die andere Frage. Klarheit, findet Christian, ist ein besseres Wort dafür, wobei er sich nicht sicher war, ob das allem überhaupt gerecht wird. Erleichterung ist das Wort, welches Christian suchte, ihm aber in diesem Moment nicht einfällt. Aber er empfand genau diese Erleichterung, als der Arzt ihm mitteilte, dass der Verdacht, dass er Hautkrebs haben könnte, sich in Wohlgefallen auflöste. Aber die Wochen bis zu diesem Ergebnis waren dafür umso zermürbender. Allein der Gedanke daran lässt Christian noch jetzt erschaudern. Aber sein Arzt hat seine Arbeit gut gemacht, auch wenn er sich bis zuletzt sicher war, dass er sich bei den seltsamen Hautreizungen bei seinem Patienten eigentlich nur um Hautkrebs handeln konnte. Christian kam das durchaus auch plausibel vor. Zumal ja auch die ersten Untersuchungen des Doktors, der eigentlich gar kein Doktor ist, sondern nur ein praktizierender Arzt ohne Doktortitel, was ihn Christian aber gleich deutlich sympathischer machte, ja auch in genau diese Richtung zeigten. Aber das Labor wusste es besser und damit die gute Arbeit und Argumentationskette des bemühten Arztes mit einem Schlag zu zerstören. Eigentlich auch schade um die schöne Arbeit, denkt sich Christian, so engagiert wie der Herr Doktor, der Herr Nicht-Doktor korrigierte er sich, war. Aber immerhin freute er sich ja mit Christian gemeinsam, dass die Ergebnisse negativ waren, auch wenn es seine Arbeit in Frage stellte, aber wer weiß, vielleicht war ihm das ja auch egal, sein Geld bekommt er ja trotzdem, da ist es egal ob seine Diagnosen richtig sind oder nicht. Aber belastend war das schon, zumal wenn solche Diagnosen auch gerade in einer solchen Zeit kommen, wie sie Christian hatte. Wobei ja passenderweise seine Verdauungsprobleme, die er aufgrund des Stresses mit seiner Magisterarbeit hatte, zu genau dieser missglückten Diagnose, die sich am Ende für Christian als eine glückliche herausstellen sollte, führte. Der Fencheltee aus der Apotheke sollte eine beruhigende Wirkung auf seinen Magen haben, vielleicht auch nicht zuletzt auch auf das Christians Gemüt, welche er letztendlich auch hatte, wenn auch nur auf den Magen. Nur wusste keiner, am wenigsten er selbst, dass Christian allergisch auf Fenchel reagierte. Von einer solchen Allergie hatte er vorher auch noch nie etwas gehört, aber scheinbar gibt es auch diese. Die Folge war ein seltsamer Hautausschlag und die Überzeugung des Hautarztes, dass es sich hierbei um Hautkrebs handeln muss. Eigentlich schon ein geradezu witziger Zusammenhang, kommt es Christian jetzt in den Sinn, aber immerhin hat der ja auch Medizin studiert, hoffte er zumindest, und er selbst ist ja nur ein Geisteswissenschaftler, wenngleich er findet, dass deren Bedeutung für die Gesellschaft nicht unterschätzt werden dürfte. Aber auch an diese Fehldiagnose denkt Christian ohne Ärger auf den Arzt zurück, so erleichtert ist er und das sanfte Rauschen des Wassers entspannt ihn noch mehr. Nicht zuletzt die Gedanken an Janine, die er erst vor ein paar Tagen in einem der Straßencafés kennengelernt und in seiner Euphorie angesprochen hat. Sie verstanden sich auf Anhieb gut und landeten noch am selben Abend miteinander im Bett, was der stürmische Auftakt zu einer aufkommenden Beziehung zu sein schien. Durch sie konnte er auch die strapaziöse Trennung von Paula vergessen, die er immer für die Frau seines Lebens und für die Mutter seiner Kinder gehalten hatte. Nur war er dabei leider nicht der einzige Mann, dafür aber der einzige in ihrer Beziehung, wie er eines Tages herausfinden musste, natürlich auch gerade während er seine Magisterarbeit schrieb. Wenn was kommt, dann aber immer ganz dicke. Es war eine unschöne Trennung, über die er lange nicht hinwegkam, aber jetzt dank Janine eigentlich kaum noch daran denkt. Er hat sie heute Abend, mittlerweile ist es ja eigentlich eher gestern Abend, stellt er fest, so viel Genauigkeit muss schon sein, seinen Freunden beim Essen vorgestellt. Seine Freunde schienen sich mit ihm zu freuen. Freude darüber, dass er mit Janine wieder eine neue Frau gefunden zu haben schien, dass er nun doch vollkommen gesund war und dass er trotz aller schlechten Voraussagen einen guten Job gefunden hat. Er glaubt nicht, dass bei irgendeinem der eingeladenen Freunde Neid mit im Spiel gewesen sein könnte, dafür schätzten sie sich alle zu sehr. Thomas und Michael waren scheinbar auch froh zu hören, dass er auch wieder angefangen hat neue Lieder für ihre gemeinsame Band „Freisprung“ zu schreiben. Viel zu lange haben sie pausiert, seit fast zwei Jahren hatten sie keinen Auftritt mehr. Was Großes ist das ja nie gewesen, aber es steckt das Herzblut von allen dreien in diesem Projekt. Und sie waren sich auch einig, dass sie wieder oder eigentlich ja eher weiterhin gemeinsam Musik machen wollten und da ist Christians Motivation und Engagement ein erster großer Schritt in die richtige Richtung. Sie hatten heute Abend alle viel Spaß und einen schönen Abend, aber vielleicht war ich von allen der Glücklichste, resümiert Christian, nicht das er das den anderen nicht vergönnt hätte, aber sie hatten es in den letzten Wochen und Monaten nicht ganz so schwierig wie er. In ihren Leben fließt das Wasser so ruhig und beständig wie die Donau unter ihm, wohingegen bei Christian die letzte Zeit von wilden Unwettern und Sturmfluten geprägt war. Aber jetzt haben sich die Wogen geglättet und alles fließt wieder ruhig dahin, denkt er sich, als er so der Donau tief unten nachschaut. Alles ist wieder gut, beinahe so wie früher. Eigentlich will er mehr Veränderung in seinem Leben, so wie früher soll gar nicht mehr alles sein. Damals als er abends noch an den Weiher fuhr und seine Bahnen drehte. Immerhin sitzt er jetzt hier auf einer Donaubrücke in der Stadt, ist ja schon mal ein Anfang zur Veränderung, von der er jedoch gar nicht mal so genau weiß, ob er diese überhaupt will, denn so wie jetzt könnte ja eigentlich alles bleiben. Aber eigentlich ist Veränderung das Ziel, denkt er sich wiederum und dieses Ziel scheint er jetzt zu verfehlen oder nur sehr langsam zu erreichen. Das muss viel schneller gehen, findet Christian, steht vom Boden der Brücke auf, klettert auf das Geländer und springt in Richtung Wasser. Noch nie hat er sich so frei gefühlt, wie in diesem Sprung.

Dom Neu am 29.5.12 16:32

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