Fußspuren im Sand

Vor zwei Wochen hatte ich einem Literaturworkshop (bei Franziska Gerstenberg und Andre Hille) die Idee zu einer Kurzgeschichte mit dem Titel "Fußspuren im Sand". Ich hab damals auch an dieser Idee gearbeitet und sie gestern wieder aufgenommen und komplett überworfen. Heruasgekommen ist diese erste, durchaus überarbeitungsbedürftige Version:

 

Fußspuren im Sand

 Es waren nur unsere Fußspuren im Sand, aber Marie und ich waren nicht alleine. In unsere Zweisamkeit hatte sich jemand eingeschlichen, gleichsam als würde dieser Jemand zwischen, hinter, neben oder vor uns laufen. Marie war die ganze Zeit über stumm, sie schien sehr in ihre Gedanken vertieft zu sein.

„Was ist los mit dir? Du wirkst so bedrückt“, fragte ich sie schließlich nach einer Weile, wobei ich die Antwort schon kannte.

„Als ob du das nicht selbst wüsstest“, erwiderte Marie prompt gereizt.

Nachdem wir weiter schweigend den herbstlichen Stand entlanggegangen waren, fügte sie hinzu „Es ist wegen Friedrich.“

„Aha“, war alles was mir dazu einfiel.

Wir zogen weiter unsere Kreise durch den feuchten Sand, jedoch in sicherer Entfernung zur unruhigen See. Der Strand war leer, die Schirme waren längst abgebaut, die Liegen befanden sich bereits sicher in Lagerhallen verstaut im Winterschlaf, nur noch die Warnschilder, welche darauf hinwiesen, dass ab einer bestimmten Linie das Wasser für Kinder zu tief ist, sowie die Schilder, welche das Mitnehmen von Hunden an den Strand verbieten, standen noch.

„Mehr als ´aha` fällt dir dazu nicht ein? Machst du dir etwa keine Gedanken darüber, was mit deinem Sohn gerade sein könnte?“ Marie klang gereizt, nachdenklich, auch etwas verärgert.

„Ja was soll denn schon großartig mit ihm sein?!“

„Das fragst du noch? Unser Sohn ist allein in einem fremden Land, wo ihn keiner versteht und wo er keinen versteht. Allein“, fuhr mich Marie an und lief weg, wobei sie bei jeden Schritt in den Sand einsank. Ich überlegte kurz, ob ich ihr hinterherlaufen sollte, entschied mich aber dagegen, da ich sie eh in Kürze einholen würde, denn sie würde ihr hohes Tempo nicht lange aufrechterhalten können. Ich beschleunigte meine Schritte leicht und holte sie auch schon kurze Zeit später ein. Marie hatte angehalten, sie blickte wie abwesend auf die Wellen, die sich weiter hinten gefährlich hoch auftürmten, den Strand jedoch deutlich ruhiger erreichten. Ich nahm sie in den Arm, wir standen lange so da. Es musste ein komisches Bild gewesen sein, wenn jemand vorbeigekommen wäre, wobei diese Gefahr aufgrund der Jahreszeit und des Wetters recht gering war. Zwei Menschen, dick verpackt in Winterjacken, die den Wind und die Kälte nur leidlich abhielten, die sich minutenlang mitten am Strand umarmen und dabei ganz die Welt um sich herum vergessen. „Du musst auch mal loslassen können“, flüsterte ich Marie ins Ohr.

„Nein!“ durchbrach ihr Schrei die Stille, die traute Zweisamkeit, die nicht vorhandene Idylle. Sie riss sich aus meiner Umarmung und lief in Richtung Wasser. Bald schon stand sie bis zur Brust in diesem.
„Marie, bleib stehen“, rief ich ihr verzweifelt hinterher.

„Wieso? Das macht doch alles keinen Sinn mehr. Was, wenn er nicht wiederkommt? Was wenn er umkommt?“

„Wir haben doch immer noch uns.“

„Ich weiß nicht, ob ich so weiterleben kann.“ Ich stand mittlerweile ganz nah am Ufer, immer wieder erreichten die letzten Ausläufer der Wellen noch meine Schuhe. Ich konnte sehen, dass Marie Tränen in den Augen hatte. „Das macht doch sonst alles keinen Sinn mehr.“

„Marie komm wieder raus.“

„Was wenn er ein weiteres sinnloses Opfer dieses Einsatzes wird?“

„Und so lange willst du jetzt hier im Wasser stehen bleiben, bis Friedrich wieder zurück kommt oder nicht? Komm raus jetzt, wir gehen wieder nach Hause.“

„Er lebt doch eh schon nicht mehr. Sonst wäre er doch heute nach Hause gekommen.“

„Vielleicht kommt er morgen oder vielleicht hat er uns eine Nachricht zukommen lassen. Was, wenn er erst morgen nach Hause kommt und er dann erfahren muss, dass seine Mutter in der Nordsee ertrunken ist. Willst du das?“

Marie begann zu weinen, kam aber schließlich ganz langsam und bedächtig aus dem Wasser. Sie zitterte am ganzen Körper, sie fiel in meine Arme. Nachdem wir uns sehr lange umarmt haben, gingen wir alleine weiter und hinterließen nur noch unsere Spuren im Sand. Die unsichtbaren Spuren waren verschwunden und würden nicht mehr wiederkehren.

 

Dom Neu am 9.6.12 14:04

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Gerd (9.6.12 17:06)
Find ich gut. Aber mir fehlt irgendwie der Schluss. Isyt das dann alles?


Dom (11.6.12 08:13)
Mein lieber Herr Gerd, ein Gattungsmerkmal einer Kurzgeschichte ist, dass sie ein offenes Ende besitzt, damit sie deutungsoffen ist. Da fehlt nichts, die ist komplett.


Traut the Maut (12.6.12 09:35)
Herrn N,

Gattungsmerkmal einer Kurzgeschichte ist aber, dass irgendetwas vor sich geht.


Dom (13.6.12 11:09)
ansichtssache.

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