Liebe (Teil 2)

Ich laufe die Treppen nach oben, nehme immer zwei Stufen auf einmal. Trotzdem habe ich Angst, dass ich zu spät komme. Ich weiß nicht, was sie vorhat. Aber sie ist nun einmal sie und keiner kann vorhersagen, was geschehen wird. Ich weiß das. Ich kenne sie. Als einziger.
Das unerwartete Treffen in der U-Bahn ließ mir keine Ruhe mehr. Ich vernachlässigte das Studium, irrte oft ziellos durch die Stadt, um sie zu finden. Doch wie wahrscheinlich war das bei einer Millionen Menschen? Die Suche nach der Nadel. Doch ich dachte nicht daran, aufzustecken, steigerte mich förmlich in die trügerische Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihr. Meine Freundin begann sich Sorgen zu machen. Sie war ein mitfühlender Mensch und natürlich bemerkte sie meine Angespanntheit. Ich hatte sie schon lange nicht mehr berührt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und doch traute sie sich nicht, mit mir darüber zu reden. Ich sagte ihr natürlich nichts. Es sollte nicht zwischen uns stehen und doch war es da. Unsichtbar und unüberwindlich. Egal, von welcher Seite. Das Ende des Jahres kam und ich war ein menschliches Wrack. Meine Obsession nagte und fraß an mir, wohin ich auch ging und wohin ich mich wenden wollte. Melanie hat sogar meine Mutter angerufen, ob sie uns nicht über Weihnachten einladen könnte. Mir gehe es nicht so gut. Mutter willigte ein und doch war es von vornherein sinnlos. Keiner konnte mich verstehen. Wie auch? Das sah ich ein. Aber es war meine Sehnsucht, nicht die ihre. Natürlich mochte ich Melanie. Sie war für mich da. Und doch konnte ich sie nicht so lieben, wie sie es verdient hätte. Manchmal hasste ich mich dafür, doch dafür fehlte mir inzwischen die Empathie. Meine Eltern nahmen mich auf, wie immer und es vergiftete die Stimmung in der Familie. Alle waren irgendwie froh, als es vorbei war und wir am 25. abends wieder heim fuhren.
Der 3. Januar war ein guter Tag. Ich habe sie wieder gesehen. Im Kaufhaus. In der Drogerieabteilung. Ich zögerte, auf sie zuzugehen. Sie stand vor einem Regal mit Parfüm und probierte lustlos ein paar. Ich drehte mich um, tat so als, sehe ich mir etwas anderes an, um nicht aufzufallen. Beim nächsten Blick hinter mich war sie wieder vom Erdboden verschwunden. Dennoch. Es war gut, sie nur zu sehen. Es gab mir viel zurück. Auch meine Freundin bemerkte am Abend eine Veränderung, die sie sich nicht erklären konnte. Ich wollte es auch nicht und sie fragte nie. In den nächsten Wochen ließ ich immer mehr von meinen Bemühungen ab. Die Einsicht setzte sich gegen mein Verlangen durch. Wenn, dann würde ich sie ohnehin nur zufällig irgendwo treffen. Also hoffte ich einfach darauf, dass es wieder geschehen würde.
Es dauerte keine drei Wochen, bis wir uns wiedersahen. Als wäre es Schicksal. Sie stand an der Kasse zwei Plätze vor mir. Sie drehte sich nicht um, aber ich sah sie unentwegt an. Ich meinte sogar, den Duft ihrer Haare wahrzunehmen. Ich war nicht mehr ich und hielt das alles für absolut normal. Unsere Wege trennten sich wieder, ohne, dass ich sie angesprochen hatte. Aber ich wüsste, dass unser nächstes Aufeinandertreffen nur eine Frage der Zeit sein würde.

Ich begann, meine Freundin weiter zu vernachlässigen, traf keine Bekannten mehr. Ich war stattdessen besessen von dem Gedanken, dass ich sie sehen musste. Melanie sagte auch diesmal natürlich nichts, auch wenn ich ihr den inneren Schmerz anmerkte. Doch ich konnte nichts für sie tun. Ich konnte nicht so tun, als ob sie nicht da wäre. Irgendwann rief sogar ein gemeinsamer Freund an und meinte, ich solle mich wieder mehr um Melanie kümmern. Ich sagte, ich werde es versuchen. Natürlich war das eine Lüge.
Der Tag, an dem ich sie wiedersah, war der 15. März. Es war warm und ich war kurz davor, mein Studium zu schmeißen. Nur die Semesterferien hatten mich davon abgehalten. Ob ich mir lieber einen Job suchen wolle, hatte meine Freundin gefragt. Wir wohnten immerhin zusammen und lebten aus einer Kasse. Ich hatte nein gesagt, sie selbstverständlich nichts.
Ich war an dem Tag im Park. Zum einen, weil ich die Sonne genießen wollte. Zum anderen, weil die Chance bestand, dass ich sie traf. Und da war sie. Wie ein Geist, der unvermittelt auftaucht. Ihr blondes Haar, glänzend in der Mittagssonne. Sie war allein, wie immer zu dieser Zeit. Sie hatte niemanden. Zumindest wollte ich, dass es so war. Ich sah ihr von meinem Platz unter einem Baum aus zu und diesmal sah sie mich auch. Doch sie kam nicht näher. Sie lächelte nicht einmal. Sie ging einfach weiter. Diesmal aber folgte ich ihr. Sie ging sehr langsam. Ich ließ mich hinterher treiben. Ich wollte wissen, wo sie lebte, musste sie endlich ansprechen. Sie erinnerte sich an mich, an unseren gemeinsamen Sommer. Da war ich sicher. Sie musste einfach. Ich würde mich immer daran erinnern. Ich hatte keine Angst.
Ich bin fast oben. Eine eigene, graue Betontreppe führt hinauf bis aufs Dach. Die Tür, die normalerweise fest verschlossen ist, steht offen. Ich kann den Himmel sehen. Er ist verhangen.
Unsere Odyssee dauerte drei Stunden und sieben Minuten und sie endete abrupt für mich. Es war ein Krankenhaus. Sie ging einfach durch die Tür, als wäre das das Normalste, was man sich denken kann. Ich stockte unwillkürlich. War sie krank? Oder kannte sie jemanden, den sie besuchen wollte, vielleicht bloß eine Freundin. Mir war nichts an ihr aufgefallen. Sie sah doch gesund aus. An diesem Tag folgte ich ihr nicht mehr weiter. Ich musste das erst einmal für mich einordnen. Es machte überhaupt keinen Sinn.

Gerd am 20.6.12 01:09

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