Ein Abend (Anfang einer neuen Geschichte)

Ein Abend (Mai 2013)

Immer wieder sah ich zu dem einen Platz in der Ecke hinüber. Er saß schon die ganze Zeit alleine da, nur das immer selbe Bier vor sich. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn schon einmal hier gesehen zu haben und ich kannte eigentlich alle Gäste.
Ich kann es nicht genau erklären, was mich an diesem Abend im Speziellen so nervös machte, aber schon, wenn ich einmal fünf Minuten keine Zeit hatte nachzusehen, ob er noch dasaß, machte mich das bereits unruhig. Obwohl doch rein gar nichts passierte. Es war nicht so, dass er besonders anziehend gewirkt hätte. Völlig unscheinbar bei objektiver Betrachtung. Und ausgehungert war ich auch nicht. Dennoch ließ mir dieser Typ keine Ruhe. Sogar mein Chef hatte mich schon zwei, drei mal angestoßen, ich solle mit der Arbeit zumachen. Er sehe es nicht ein, die ganzen Gäste allein zu bedienen. Und zu tun gab es wirklich genug.
Warum erleichterte es mich jedes Mal, wenn ich nur flüchtig hinsah und er saß noch immer da. Noch immer allein. Ich kannte ihn nicht, aber ich fand es richtig. Zwischen den Gästen kam ich vielleicht jeden Viertelstunde einmal dazu, einen Blick hinüber zu riskieren und es bot sich immer dasselbe Bild. Es war seltsam aber irgendwie wirkte es auch fast normal. Das Bier war halbleer, musste inzwischen wahrscheinlich ungenießbar sein. Nicht dass ich ihn einmal davon trinken sah. Als sich auch gegen 10 oder viertel nach 10 noch keine sichtbare Änderung eingestellt hatte, schickte ich Melanie, die Bedienung, mit einem frischen Bier raus, das ich eben nicht völlig unabsichtlich zu viel gezapft hatte. Ich gab ihr dazu einen knappen Gruß mit und irgendeinen Spruch wegen des schalen Bieres, den ich selbst nicht wirklich für witzig hielt. Ich hatte mir natürlich vorgenommen, zu beobachten, wie sie es ihm servierte, aber irgendwas lenkte mich ab und als ich das nächste Mal schaute, stand das Bier schon vor ihm. Es sah nicht wesentlich anders aus als zuvor, nur dass das Glas nicht mehr halb leer war sondern ganz voll. Der Kerl sah nicht einmal herüber, was mich ein bisschen eingeschnappt zurückließ. Als Melanie wieder für eine neue Bestellung zu mir an die Theke kam, richtete sie mir immerhin seinen Dank für das Bier aus. Aus irgendeinem Grund war ich aber noch immer nicht völlig zufrieden und beschloss, den unbekannten Gast erst einmal zu ignorieren, was mir zunächst auch ganz gut gelang. Eigentlich sogar bis kurz vor Ladenschluss, als es so leer wurde, dass ich ihn als einen der letzten Gäste gar nicht mehr ohne weiteres übersehen konnte.
Melanie war schon vor einer knappen halben Stunde in Feierabend gegangen, die Uhr über dem Schnapsregal zeigte sieben nach zwölf und mein Chef hatte sich schon für die Tagesbestellungen in das Büro zurückgezogen wie immer, wenn er langsam die Lust verlor und eigentlich zumachen wollte. Mir machte das üblicherweise nicht viel aus. Ins Bett wollte ich noch lange nicht. So oder so. Die verbleibenden Gäste konnte man fast an einer Hand abzählen. Aber es war auch Mittwoch. Wer blieb da schon so lange aus? Ich vertrieb mir die Zeit bis Schankschluss damit, Gläser zu spülen. In zehn Minuten würde ich die letzte Runde ankündigen, um auch die verbliebenen Gäste noch vor eins aus der Kneipe zu bringen. Sie kannten das Prozedere ohnehin. Auch mein spezieller Gast war noch unter den wenigen Anwesenden und sein zweites Bier, das ich ihm hatte bringen lassen war noch nicht einmal halb ausgetrunken. Es war wirklich seltsam, aber andererseits begegnete man in einem Job wie meinem doch ständig irgendwelchen abgefahrenen Typen, aus denen man am Ende des Abends doch nicht schlau wurde. Und was machte das schon? Man konnte ja nicht immer alles verstehen. Und überhaupt, wer würde das schon ernsthaft wollen?
Als ich gerade dabei war, mir irgendwelche weiteren Gedanken zu irgendetwas zu machen, kam mein Chef wieder hinter den Tresen. Er machte einen leicht verplanten Eindruck.
„Hast du schon die letzte Runde gemacht?“
„Nein, wollt ich aber gleich machen.“
„Sei so lieb, ja. Ich bin hundemüde. Kopfschmerzen. Ich will ins Bett.“
„Klar. Du kannst ja auch jetzt schon gehen. Den Rest schaff ich schon allein.“
„Weißt du, wo der Schlüssel ist?“
„Ja.“
„Und die Kombination für die Alarmanlage?“
„Sicher. Ist ja nicht das erste Mal. Keine Sorge. Geh heim und leg dich hin. Mir passiert schon nichts.“
„Als ob ich mir um dich Sorgen machen würde. Eher schon um meinen Laden. Wehe du baust Scheiße. Ich reiß dir den Arm aus, mein Fräulein!“
Dazu brauchte ich nichts mehr zu sagen. Ich wartete ab, bis mein Chef seine Jacke geholt hatte und bereit war zu gehen. Dann tat er es endlich, nicht ohne mir noch einmal das heilige Versprechen abzunehmen, nicht mehr zu lange zu machen und alles gut zuzusperren, doch er ging. Ich war erleichtert und fühlte mich ziemlich gut. Ein bisschen wie mein eigener Herr. Scheiß auf die Verantwortung. Freibier für alle. Doch das sagte ich natürlich nicht laut. Ich wollte mein sauer verdientes Geld nicht in den Rausch irgendwelcher Quartalssäufer investieren. Ich tat also, was getan werden musste und rief zur letzten Bestellrunde. Alle orderten sich noch ein Bier. Außer ihm. Aber er hatte auch noch. In der Folge hatte ich genug damit zu tun, zu zapfen und das Bier rauszubringen, sodass es mir erst gar nicht auffiel. Er war gegangen. Unter seinem fast leeren Bierglas lag ein zerknitterter Zehner. Kein weiterer Kommentar, kein Wechselgeld. Mir sollte es recht sein.
Wie üblich ließen sich die letzten Stammgäste relativ einfach mit der Rechnung vertreiben und die übrigen Verdächtigen ließen wie immer anschreiben. Dazu die üblichen bierseligen Komplimente für meinen Hintern und mein ach so bezauberndes Lächeln. Soweit nichts ungewöhnliches. Ich wischte noch halbherzig die Tische ab, während die Nachtschwärmer und Hoffnungslosen aus der berauschten Wärme der Gaststube sickerten und sich einsam im Dunkel zerstreuten. Zuletzt sperrte ich noch den Zapfhahn ab, nahm meine Jacke und machte die Alarmanlage scharf. Das Licht war aus für heute. Gerade als ich den Schlüssel wieder in meine Tasche steckte, fiel mir der seltsame Kerl von vorhin ein. Wohin er plötzlich wollte oder was er überhaupt hier gemacht hatte? Interessiert hätte es mich schon. Diese seltsam undurchsichtige Aura oder – ach quatsch! Fang jetzt nicht mit so einer Esoterik-Kacke an. Das ist ja peinlich. Nein, aber etwas an ihm hatte mich doch angezogen. Seltsam aber bestimmt. Ich will ja gar nicht abstreiten, dass ich die ganze Zeit zu ihm rübergeglotzt habe. Aber wieso eigentlich? Darüber hatte ich mir nicht einen Gedanken gemacht. Es war einfach so. Musste. Weder sah er gut aus – na gut, auch nicht hässlich, aber sorry Mann, eben keine Granate – und gesagt hat er auch nichts, zumindest nicht zu mir, also ein Frosch – oder bloß ein Kerl, der seine Ruhe haben wollte, schon daran gedacht, Prinzesschen? Gut, ist ja gut, keine unbegründeten Vermutungen mehr. Dann brauchst du eigentlich gar nicht mehr über ihn nachzudenken, denn was weißt du schon. Richtig, rein gar nichts. Punkt. Ende.
Und doch …
Quatsch. Lass einfach.

Bon Traut am 17.6.13 13:08

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