Feierabend (April 09)

Sie steigt in ihr altes, verrostetes Auto. Der Arbeitstag war ermüdend gewesen, wie immer. Verkäuferin in einer Apotheke, nicht unbedingt ein Traumjob. Nicht mit einem perversen alten Sack, den man Chef nennen muss. Im Hinterzimmer an den Schubladen stehend, auf der Suche nach dem richtigen Medikament, mit einer Hand auf dem Hintern. Der ist auch nicht mehr knackig, hat seine 47 Jahre auf dem Buckel, oder vielmehr auf dem Arsch, muss man fast sagen. Zuhause wartet ihr Mann, warten die Kinder, wollen, dass sie jetzt noch zum Einkaufen fährt, dann heim, dann kocht, damit um halb Acht endlich das Essen auf den Tisch kommt. Jeden Tag. Selber tun sie nichts. Zwei Söhne, eine Tochter. Kein Handgriff, nicht einmal den Abwasch. Irgendetwas hatte sie in der Erziehung falsch gemacht. Genau so, wie ihre Schwiegereltern. Ihr Mann ist zwei Jahre jünger als sie. Sie solle froh sein, dass er sie genommen habe, sonst wäre sie als alte Jungfer geendet. Sollte sie das? Froh sein? Er sagt es.

Eigentlich ist doch Feierabend, aber davon merkt sie nichts. Einkaufen, Kochen, Abspülen, dann noch ein, zwei Stündchen auf der Couch fernsehen. Dann ins Bett, ihren Mann rauflassen, der sich nach Kräften abmüht, um dann wie ein betäubtes Tier von ihr herunterzufallen und einzuschlafen. Jeden Tag. Aber nicht heute.
Sie startet den Motor, legt mit Mühe den ersten Gang ein, fährt los. Zum einzigen Supermarkt in ihrem Dorf. Sie kauft Zwiebeln, Soßenbinder, ein Päckchen Nudeln als Beilage, dazu einen Salatkopf. Heute wird es etwas besonders gutes geben. Frisches Fleisch, delikat gebraten und gewürzt. Den Kindern wird es schmecken. Der Alte würde nur wieder rummeckern. Wobei, vielleicht auch nicht.
Sie kommt nach Hause, trägt die paar Einkäufe selber nach drinnen. Ihre Kinder lärmen in ihrem Zimmer. Sie waren wahrscheinlich wieder den ganzen Nachmittag alleine zuhause gewesen, hatten vermutlich wieder nicht ihre Hausaufgaben gemacht. Der Mann ist wahrscheinlich noch in der Arbeit, sollte es zumindest sein. Die Frau fühlt sich alt, als sie sich im Badezimmerspiegel betrachtet. Unter den Augen und an den Mundwinkeln unzählige Falten, sie sieht aus wie ihre Großmutter, kurz bevor sie verschieden ist. Den Hals will sie gar nicht sehen, verbirgt ihn lieber vor der Welt und vor sich, unter einem Tuch. Die Küche wartet. Seit Jahren bittet sie ihren Gatten, eine neue zu kaufen, sie könnten doch nicht ewig das Erbstück seiner Eltern hier stehen haben. Sie stößt auf taube Ohren. Nächste Woche wird sie aber in ein Küchenfachgeschäft fahren und eine aussuchen, eine bestellen, mit glatten, hellbraunen Fronten, ganz sicher. Der Mann wird ihr schon nicht widersprechen, diesmal wird sie es nicht zulassen.
In einem viel zu großen Topf setzt sie einen Sud aus Zwiebeln und Gemüsebrühe an, später kommen Tomaten hinein, Zum Kochen nimmt sie wie immer ihren Ehering ab, das findet sie hygienischer. Mit Handschuhen kann sie nicht kochen, sagt sie. Darum legt sie den kleinen Goldring auf die Anrichte, neben die Obstschale. Jetzt will sie das Geschnetzelte einkochen. Das Geschnetzelte, genau, das muss sie noch aus dem Keller holen, ihren Mann braucht sie da nicht zu bitten, er ist eh nicht hier und selbst wenn er es wäre. Zum Essen wird er aber rechtzeitig da sein, da ist sie sich sicher. Ein Essen hat er noch nie verpasst. Nicht er.
In den feuchten Keller führt eine kleine, schlecht geflieste Treppe hinab. Aus irgendeinem Rohr tropft es, macht die letzten beiden Stufen zur Rutschpartie. Sie kann sich gerade noch rechtzeitig am Kühlschrank festhalten. Auch so ein Relikt aus der Jugend ihres Mannes. Er ist leer, aber laufen musst er trotzdem, falls mal was gekühlt werden müsse, das oben in der Küche nicht mehr hineinpasse. Sie steckt das alte Ding aus. Auf der anderen Seite steht die Gefriertruhe. Geschnetzeltes ist die Leibspeise ihres Mannes, er würde es auch heute wieder genießen. Warum sie ihm den Gefallen tut, weiß sie selbst nicht, weiß sie nie. Sie kocht, sie putzt, sie bügelt, sie wäscht, sie macht den Garten, sie fegt den Hof, sie richtet das Grab seiner Eltern, die geht mit den Kindern in die Kirche, bringt sie zur Schule, kauft Anziehsachen, auch für ihn. Er kommt von der Arbeit, setzt sich auf die Couch und legt die Füße hoch. Das will sie auch einmal machen. Warum nicht heute nach getaner Arbeit, oder Morgen direkt nach Feierabend?
Sie öffnet die Truhe, sucht einen der Plastikbeutel mit dem Fleisch, gestern geschlachtet, frisch, absolut frisch. Sie findet einen, in der Ecke, neben dem gefrorenen Spinat. Einmal nicht die Arbeit machen, die Kinder können sich auch mal selber versorgen, sind alt genug. Wieso nicht mal in den Urlaub fliegen, alleine, ohne ihren nichtsnutzigen Mann? Nächste Woche? Nächsten Monat? Sie hebt den Beutel hoch. Das kleine, goldene Etwas bemerkt sie überhaupt nicht. Sie schließt die Truhe, geht vorsichtig wieder nach oben. Eigentlich hätte sie das Fleisch schon heute früh auftauen sollen, doch sie hatte Angst gehabt, es würde zu schnell verderben. Dafür ist es viel zu schade. Sie macht die Tüte auf und gibt den durchgefrorenen Klumpen in den Topf mit dem köchelden Zwiebelsud. Dann dauert es halt länger. Sie setzt sich derweil ein wenig auf den Tisch und liest über frische Gartenideen in einer Frauenzeitschrift für 70 Cent.
Sie hat den Herd hoch eingestellt, ein bisschen Sud spritzt schon auf die Küchenfronten, aber um die ist es auch nicht mehr schade jetzt. Dafür taut das Gefrorene schneller auf. Sie geht an den Topf, dreht etwas zurück und verrührt den Inhalt ordentlich. Und wie das riecht. Lecker. Es ist fast fertig, nur noch ein wenig Salz und Tomatenmark. Die Kinder sind heute noch gar nicht quengeln gekommen, dabei wird es schon fast Neun. Wie die Zeit vergeht. Sie beschließt, eine Flasche Wein aufzumachen. Er mag keinen Wein, nur Bier. Aber der soll sich heute beschweren, soll es nur versuchen.
Der Geruch wird intensiver, sie will das gute Essen nicht anbrennen, zieht es vom Ceranfeld, rührt noch ein paar mal kräftig durch. Auf den Tisch legt sie einen Untersetzer, darauf kommt der Topf. Vier Teller, Besteck und Gläser. Das Trinken soll sich jeder selber nehmen. Sie ruft die Kinder zum Essen, die kommen sofort hungrig angerannt, streiten sich wie immer um die Plätze. Die Mutter hat ihren schon gefunden und verteilt das Essen auf die Teller. Sie sieht zufrieden aus, sehr zufrieden. Bevor sie einen Bissen nimmt, stützt sie ihre Ellbogen auf den Tisch, legt ihr Kinn auf die verschränkten Hände, fast schon in Gebetshaltung. Sie kann wirklich mit sich zufrieden sein. Morgen will sie ein neues Leben anfangen, hat es fest vor. Diesmal wird sie ihr unfähiger Gatte nicht davon abhalten können.
„Mama, wo ist Papa?“