Nach Süden (April 09/Oktober 09)

Ich bin seit fünf Stunden unterwegs, unterwegs mit dem Zug. Nach Süden. Am Fenster zieht die Landschaft vorbei, mal weite Flächen, dann hohe Bergflanken, abgelöst von hügeligem, bewaldetem Terrain. Ich habe mir eine paar Hefte mit einfachen Kreuzworträtseln mitgenommen, damit mir nicht langweilig wird. Ich bin nicht besonders gut darin, aber ich mag es.

Ich bin kein Genie. Trotzdem komme ich im Alltag zurecht, meistens jedenfalls. Meine Frau ist zuhause. Sie muss arbeiten. Ich habe meinen halben Jahresurlaub für diese Reise hier genommen. Ich fahre nach Italien, nach Süden. Ich wäre jetzt auch gerne zuhause, bei meiner Frau und vor allem bei meinem kleinen Sohn. Er ist krank, sehr krank. Sogar die Ärzte machen sich Sorgen. Nicht so sehr wie ich. Keine der üblichen Behandlungsmethoden hat angeschlagen, sie haben alles versucht. Es gebe da vielleicht noch eine letzte Möglichkeit, eher eine verschwindende Chance, aber wieso sollte man nicht alles probieren, meinte der Doktor. Ich bin der selben Meinung. Es sei eine neu entwickelte Therapie. Da diese jedoch noch keine Zulassung habe, übernehme die Krankenkasse die Kosten nicht. Das sei der Haken. Warten, bis die Zulassung durch sei, könne man nicht, mein Sohn habe nicht mehr lange zu leben, sagte er. Das bricht mir das Herz. Meine kleine Familie ist mein ein und alles. Alles, was ich habe.

Die Behandlung kostet fünfzehntausend Euro. So viel Geld haben wir nicht. Wir sind froh, wenn am Monatsende noch genug für ein paar Anziehsachen für den Kleinen übrig ist. Ist es nicht immer. Sparen können wir uns nicht leisten, wir sparen eh, wo wir können. Ein oder zwei Decken sind billiger, als im Winter den ganzen Tag zu heizen, auch oder vor allem wenn es draußen Minusgrade hat.

Ich habe die Ärzte gefragt, ob das wirklich die allerletzte Möglichkeit sei. Sie sagten ja, das sei sie. Sie könnten Kontakt mit einer Hilfsorganisation für krebskranke Kinder aufnehmen, aber die verlassen sich vor allem auf das Urteil der Kasse. Außerdem hätten sie schon Mittel von dieser Vereinigung erhalten, großzügige Mittel. Mehr sei da wohl nicht zu erwarten.

Ich verstehe das nicht. Wie kann es sein, dass das Leben meines Sohnes womöglich an fünfzehntausend Euro hängt. Viele Leute könnten das leicht bezahlen. Wir nicht. Was kann unser Kind dafür, er ist doch erst vier. Meine Eltern sind beide tot, die meiner Frau froh, wenn sie selber über die Runden kommen. Sie vergöttern den Kleinen, aber es steht außerhalb ihrer Macht, ihm zu helfen, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen. Gestern war ich mit meiner Frau im Krankenhaus. Es hat so weh getan, ihn da liegen zu sehen in dem Bett. Er hat keine Haare mehr, kann kaum die Augen offen halten. Die Ärzte meinten, die Krankheit habe inzwischen den rechten Sehnerv befallen. Bald werde er blind sein auf dieser Seite. Es tue ihnen sehr Leid. Mir auch. Wir haben die ganze Zeit über seine kleinen Händchen gehalten, ihm über die Stirn gestrichen, ihn auf das Bäckchen geküsst.
Wir können uns nicht damit abfinden, wollen noch nicht Abschied nehmen. Er hat doch noch nichts von der Welt gesehen, hat noch so viel vor sich. Das mag jetzt nach Allgemeinposten klingen, aber es ist so, genau so. Er ist noch so klein. Das macht es nicht besser. Ich kann seit Wochen nicht richtig schlafen, suche fieberhaft nach einem Ausweg. Nach Hilfe.

Ich habe früher einen Mann gekannt, der Kontakte zu verschiedenen dunklen Kanälen hatte. Er hatte immer Arbeit für einen verzweifelten Mann. Ich war in der Nacht bei ihm, nach Jahren, in denen wir nichts voneinander gehört hatten. Wir waren sogar zusammen im Kindergarten. Er freute sich, mich zu sehen. Ich mich auch, so gut ich eben konnte. Er wüsste eine Möglichkeit für mich, sagte er. In Italien, ganz im Süden, gebe es einen Mann, der mir helfen könne. Er gab mir eine Photographie. Einmal die Woche sei dieser Mann auf dem Markt in einem kleinen Dorf dort unten anzutreffen, ich solle mich mit ihm unterhalten.

Jetzt sitze ich hier, mit einem kleinen Päckchen für den Mann, von dem ich nur den Namen und ein Bild kenne. Und den Markt, den er besucht. Einmal in der Woche. Mehr brauche ich nicht. Das wird reichen. Meiner Frau habe ich nichts gesagt, ich wolle einen alten Freund besuchen. Ich weiß nicht, ob sie mir glaubt.

Die Fahrt zieht sich scheinbar endlos hin, aber irgendwann rollt der Zug in einen kleinen Bahnhof ein, irgendwo im Süden Italiens. Ich steige aus, halte meine Päckchen sicher unter dem Arm. Der Bahnhofsvorplatz grenzt direkt an den Markt an. Überall stehen bunte Schirme und laute Verkäuferstimmen streiten sich um die spärlichen Kunden. Der Zug in die Gegenrichtung geht in fünf Minuten, das wird reichen müssen. Ich gehe zwischen den Buden und Ständen durch, das verpackte Kästchen immer sicher unter dem Arm. Ich muss an meinen Jungen denken, auch wenn ich mir vorgenommen habe, es nicht zu tun, unter keinen Umständen, nicht hier, nicht jetzt. Wie er daliegt, nicht mehr als ein Häuflein Elend unter einer weißen Decke mit Bärchen darauf. Ich muss den Mann finden. Ich erkundige mich nach ihm, aber mein italienisch ist nicht mehr gut. Ich kann nicht die Auskunft bekommen, die ich brauche.

Die Uhr schlägt Zwei, Tauben steigen vom Kirchplatz auf. Der Gottesdienst ist zu Ende. Aus dem Portal strömen zahllose Seelen. Jetzt erkenne ich ihn. Er sieht genauso aus, wie auf der Photographie. Ich gehe direkt auf den Pilgerstrom zu, bahne mir einen Weg durch die Menschen. Uns trennen nur noch zehn Meter. Mit geübten Fingern beginne ich das Päckchen zu öffnen, als hätte ich nie aufgehört, es zu tun. Wir sehen uns in die Augen, es sind nicht mehr als fünf Meter jetzt. Sein Gesicht ist vollkommen ausdruckslos. Ich lasse die Hülle fallen, den Karton, meine Maskerade. Kein Mensch interessiert sich für mich, nur der Mann sieht mich an, sieht, wie ich den Arm hebe, während ich über den Pappkarton hinwegsteige, den ich eben fallen gelassen habe. Er sieht, wie ich auf ihn Ziele und abdrücke. Die Kugel durchschlägt seine Stirn, tritt wieder aus. Er bekommt das alles gar nicht mehr mit. Ich lasse die Waffe fallen und drehe zum Bahnhof ab. Schnellen Schrittes verlasse ich die Szene, sehe nicht einmal, wie er zu Boden fällt.
Man sagt, während den ersten Sekunden eines unerwarteten Ereignisses stünden die Augenzeuge unter Schock, könnten sich später an nichts konkretes mehr erinnern. Genau so muss es sein. Die Leute haben noch gar nicht richtig verarbeitet, was eben passiert ist, als ich schon auf halbem Wege zum Bahnsteig zurück bin. Ich streife meine Handschuhe ab, stecke sie in die Tasche. Auch meinen falschen Bart und die Sonnenbrille nehme ich ab, verstaue sie in meiner Jacke. Der Zug steht schon auf dem Gleis. Ich steige ein. Ein zuvorkommender Schaffner kontrolliert meine Fahrkarte. Er lächelt freundlich und wünscht mir eine angenehme Fahrt. Ich bedanke mich. In einem der hinteren Abteile ist ein Fensterplatz frei. Viele Menschen sind nicht hier. Die Gegend ist nicht besonders beliebt, nicht einmal unter Italienern.

Ich gehe mir durch die Haare, versuche die Erinnerung an das eben getane wegzuwischen. Ich kannte den Mann nicht, es muss mich nicht bekümmern, dass er tot ist. Jetzt habe ich fünfzehntausend Euro. Genug, um die lebenswichtige Therapie für meinen Sohn zu bezahlen. Meine Frau wird sich wundern und ich werde ihr erzählen, mein alter Freund habe mir das Geld gegeben. Ich weiß nicht, ob sie mir glauben wird, aber es ist für den Jungen, nur für den Jungen. Ich hoffe, Gott vergibt mir.