Nicht viel zu tun (April 09)
 
    Ich bin am Ende. Ich zittere vor Angst. Die Tochter meines Nachbarn ist verschwunden, Klara, das fünfte Kind in dieser Woche. Sie ist nicht von der Schule zurückgekehrt. Im Bus sei sie noch gewesen, bestätigen Freunde der Kleinen auf telefonische Nachfrage bei ihren Eltern. Wieso sollte sie weglaufen. Vor allem, wieso sollten in einer Woche nacheinander fünf Kinder von zu Hause weglaufen. Das ergibt keinen Sinn. Die Polizei meint, sie könnten entführt worden sein. In diesem Fall könne man davon ausgehen, dass der Täter noch in der Gegend sei. Bis jetzt haben die Wachtmeister aber noch keine Spur der verschwundenen Kinder gefunden, hat keiner eine Spur gefunden. Keine Puppen, Schulranzen, Pausenbrote, Kleidungsstücke. Nichts. Wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe meine Nachbarin zu trösten versucht, aber sie konnte nicht aufhören, zu weinen. Sie hat noch größere Angst, als ich. Mein Sohn ist 7. Ich lasse ihn morgen nicht mehr zur Schule gehen, bis die Sache aufgelärt wird. Den Stoff der Grundschule kann ich ihm auch beibringen. Ich habe mir unbezahlten Urlaub genommen. Ich weiche keinen Augenblick von seiner Seite, er ist schon leicht genervt deswegen. Er sagt, er und seine Freunde könnten sich schon gegenseitig beschützen. Können sie nicht. Vor genau drei Tage sind die letzten Kinder verschwunden. Zwei Brüder, 11 und 13 Jahre alt. Sie hatten auch keine Chace, was soll also eine Bande Grundschüler unternehmen können. In der Nachbarschaft kursieren die ersten Gerüchte. Jeder ist verdächtig. Ich habe auch schon gehört, ich würde die Kinder in den Kofferraum packen und mitnehmen. Ich arbeite in einem Pharmaunternehmen. Vielleicht hecksle ich die Kinder ja und presse sie in Pillenform. Ich weiß nichts davon.
    Gerade stehe ich am Fenster und telefoniere mit Marga, der alten Dame von gegenüber. Ihre Großnichte ist weg. Sie ist hysterisch. Sechs Kinder. Ihre Mutter hat das Kind mit zum Spielen genommen, dann einen Augenblick nicht aufgepasst und die Kleine war nicht mehr da. Keiner hat etwas gesehen, obwohl dutzende Menschen dabeigestanden haben mussten. Ich muss schreien, damit sie mich versteht. Der alte Wagner mäht seinen Rasen, zum dritten mal in dieser Woche. Pensionären muss langweilig sein, denke ich mir, als ich auflege. Die Polizei tappt noch immer im Dunkeln. Das kann doch nicht sein. Sechs Kinder lösen sich doch nicht einfach in Luft auf. Ich male mir aus, wie irgendein Psychopath sie bei Wasser und Brot im Keller festhält, um sie bei Zeiten zu essen. Ich verdränge den Gedanken schnell. Mein Mann ist noch aufgeregter als ich. Er hat schon neue Sicherungsbolzen in unsere Haustür eingebaut. Dabei ist noch kein Kind aus den eigenen vier Wänden verschwunden. Bei den meisten muss es auf dem Schulweg passiert sein. Es ist grauenvoll, ich kann keine Nacht mehr ruhig schlafen. Meine Angst um unser Kind nimmt panische Züge an. Ich stelle mir ständig vor, was passieren könnte.
    Man hat etwas gefunden. Ein Halstuch. Es lag in einem, Gebüsch. Ein Halstuch, wie es kleine Mädchen gerne tragen, mit Marienkäfern drauf. Leonie trug so eines, an dem Tag, als es geschah. Sie war die erste gewesen. Sie kann das Tuch identifizieren, sie bricht zusammen. Ich kann das nachvollziehen. Meine Fingernägel sind völlig abgenagt von der Aufregung. Ich muss etwas tun, weiß nur nicht, was.
    Noch ein Kind ist gestern verschwunden. Leute fordern die Lynchjustiz an dem Schwein, der das macht. Einige haben die Hoffnung schon aufgegeben, ihre Kinder lebend wiederzusehen. Ich könnte das nie tun. Ich bin aber auch nicht in deren Situation. Ich denke nach. Andere haben schon gedacht. Eine Bürgerwehr hat sich formiert, sie wollen den Unhold stellen. Bloß, wie? Keiner weiß, wer es ist. Der Oberinspektor der Soko meinte, der Täter könne aus dem weiteren Bekanntenkreis der Kinder stammen, womöglich jemand aus der Siedlung, denn alle Kinder, die verschwunden sind, wohnen auf einem Gebiet, das vielleicht vier oder fünf Straßen umfasst. Das hilft mir auch nicht weiter. Mein Sohn will wieder zur Schule, will seine Freunde treffen, draußen spielen. Ich kann das verstehen, wirklich, es ist Juni, fast 30° C. Aber es hilft nichts, ich kann ihn nicht auf die Straße lassen, viel zu groß sind meine Ängste, sie drohen mich zu übermannen. Ich sehe Wagner bei der Gartenarbeit zu, während ich nachdenke. Er trimmt gerade die Rasenkanten. Er lebt alleine, seit fast 40 Jahren in diesem Haus. So lange wohnt kein anderer hier. Er grüßt, als er mich im Fenster stehen sieht. Ich grüße zurück. Mein Mann kommt gerade von der Arbeit heim. Er hat blutunterlaufene Augen, schläft kaum noch, so wie ich.
    Ein Müllmann will gesehen haben, wie ein junger Mann ein Kind angesprochen hat, das auf dem Weg nach Hause war. Er kann sogar eine präzise Beschreibung des Kerls liefern. Der Mann ist schnell ausfindig gemacht. Es stellt sich heraus, dass es der Fußballtrainer war. Nein, in seinem Keller hat man keine Leichen gefunden. Es ist zum verrückt werden. Abends gehen die Lichter erst spät aus in unserem Viertel. In der Früh begleiten die Eltern, die ihre Kinder noch zur Schule schicken, eine Kolonne ihres Nachwuchses zur Bushaltestelle. Heute bin auch ich dabei. Der Direktor hat mich angerufen und mir versichert, dass er vollstes Verständnis habe. Deshalb seien die Sicherheitsmaßnahmen in der Schule in hohem Maße verstärkt worden. Alles wird gut, sagt er dann. Ich kann es nicht mehr glauben.
    Mitten in der Nacht wache ich auf. Instinktiv sehe ich im Kinderzimmer nach. Mein Sohn ist noch dort. Ich bin einigermaßen beruhigt. Mein Herz klopft wieder langsamer. Ich kann mich wieder hinlegen.
    Heute Vormittag habe ich mich mit dem alten Wagner unterhalten. Er ist genauso verstört wie ich. Wie kann ein Mensch so etwas tun, sagte er. Ich stimmte ihm zu. Dann ließ ich ihn mit seiner Hecke alleine. Der Mann hat wirklich nichts besseres zu tun.
    Er ist weg. Mein Sohn ist verschwunden. In meinen Augen steigen die Tränen hoch. Er sollte längst wieder von der Schule zuhause sein, die Nachbarskinder sind es auch, zumindest die, die noch nicht verschwunden sind. Ich rufe den Direktor an, doch der weiß auch nicht, wo er sein kann. Er kann mir nur sagen, dass mein Sohn früher Schulschluss hatte, es sei eine Stunde ausgefallen. Wahrscheinlich hatte er nach Hause gehen wollen. Mein Mann trommelt die anderen Männer in der Straße zusammen. Die suchen ihn. Am Abend kehren sie zurück. Keine Spur. Ich mache kein Auge zu, rufe tief in der Nacht noch einmal die Polizei an. Man tue alles, was man könne, versichert man mir. Ich glaube kein Wort. Wie können Kinder einfach verschwinden? Wer tut so etwas? Wer? Ich gehe in sein Zimmer und schlage die Bettdecke zurück, aber er ist nicht da. Ich kriege Angst, Angst, dass ich ihn vielleicht nie wieder lebend zu Gesicht bekommen werde. Ich breche in Tränen aus und werfe mich schluchzend auf sein Bett. Wie soll eine Mutter so etwas nur auhalten können? Ihr eigenes Kind?
    Der Leiter der Sonderkommission geht mal wieder von Haus zu Haus, fragt die Leute, auch in anderen Vierteln. Alles ohne Erfolg. Ich werde wahnsinnig. Mein Mann kann mich auch nicht mehr beruhigen, er weiß sich selbst keinen Rat mehr. Es ist so schrecklich. Ich halte das nicht mehr aus. Wenn ich den Menschen erwische, bringe ich ihn um. Ich stecke ihm ein Messer in den Bauch. Der Lynchmob steht bereit, es gibt nur kein Opfer.
    Heute früh wurde ein Jugendlicher zusammengeschlagen. Er hat mit einem kleinen Jungen geredet. Ein paar andere Jugendliche haben die Szene beobachtet und sind dazwischen gegangen. Sie haben den anderen Teenager zu Boden geschleudert und auf ihn eingetreten. Es war der Bruder des Kleinen. Jetzt ist er im Krankenhaus, seine Wirbelsäule ist verletzt. Ob er je wieder gehen kann, wissen die Ärzte noch nicht. Das ist grauenhaft. Ich bin panisch vor Angst. Die Mutter der beiden Jungen tut mir so leid. Der Mob geht auf alles los, was sich bewegt, bloß den wahren Täter hat er noch nicht finden können.
    Ich höre einen Gartenhecksler laufen in der Nachbarschaft. Ich will gar nicht daran denken. Zumal wieder ein kleines Mädchen, noch keine drei Jahre alt aus dem Vorgarten ihres Elternhauses abhanden gekommen ist. Sie war nur spielen draußen, sagen die Eltern. Die Mutter sei kurz rein, telefonieren. Jetzt ist das Kind weg. Spurlos verschwunden. Mein Mann ist völlig am Ende mit den Nerven. Der Hausarzt meint, er solle sich in psychologische Behandlung begeben, wenn es nicht bald besser würde. Es wird nicht besser. Die Eltern der fehlenden Kinder tun mir so schrecklich leid. Ich wünschte, ich könnte etwas für sie tun. Kann ich aber nicht. Ich tue mir auch selbst leid, aber auch für mich kann ich nichts tun, höchstens einen Kamillentee trinken und warten. Der Leiter der Soko wurde suspendiert. Er steht ihm Verdacht, Rauschmittel zu konsumieren. Jetzt gibt es einen neuen Oberinspektor. Er geht nicht mehr von Haus zu Haus. Wir haben ihn hier noch gar nicht zu Gesichte bekommen. Auf Nachfrage teilt man uns mit, er müsse sich erst in den Fall einarbeiten. Der Polizei ist ihr guter Ruf wichtiger, als unsere Kinder. Ich kann es nicht glauben. Die Kinder aus unserem Viertel sind vorläufig von der Schule befreit. Es ergeht Anweisung vom Bürgermeister, wir sollten die Kinder nicht mehr aus dem Haus lassen. Tue ich auch nicht mehr. Nur ist es für meinen Jungen zu spät. Heute Abend wird zum ersten mal im Fernsehen berichtet, bei Aktenzeichen. Lange hat es gedauert. Ich merke, dass die Faktendichte noch dünner ist, als ich angenommen hatte. Die Polizei tappt wie ein Blinder ohne Stock in der Gegend herum. Alle einschlägig vorbestraften Personen der näheren und weiteren Umgebung werden zum Rapport gebeten. Nur hat von denen auch keiner ein dutzend Kinder im Keller. Auch nicht auf dem Dachboden. Nirgends. Ich will mir die Kugel geben, ich habe aber keine, ich habe auch keine Waffe. Ich bin ein zitterndes Nervenbündel, seit mein Sohn weg ist. Ich kann so nicht leben. Bei uns in der Straße herrscht nackte Angst.

    Wagner von gegenüber mäht wieder seinen Rasen mit dem alten, knatternden Benzinrasenmäher. Er hat sonst nichts zu tun im Moment. Hinter dem Haus im Garten steht ein großer Häcksler für Gartenabfälle. Er steht still.