Das sinnlose Ende einer Geschichte

Sie liebte ihren kleinen Garten über alles. Sie hatte das, was die Leute gemeinhin einen grünen Daumen nennen, auch wenn sie mit der anderen Leuten nicht allzu viel zu tun hatte. Sie lebte ganz allein in ihrem kleinen Häuschen im städtischen Wohngebiet. Außer ihrer weißen Katze Shila hatten sie nach und nach alle verlassen. Ihre Tochter wanderte vor mittlerweile fast zehn Jahren nach Amerika aus, wo sie als Ärztin in einem Krankenhaus in Chicago arbeitet und mit ihrem Mann Dan zwei süße Kinder hat. Die Gedanken an ihre Tochter und die beiden Kinder stimmen sie traurig, traurig weil sie sie alle nur so selten sehen kann. Ihr Sohn ging vor vier Jahren nach Barcelona um dort zu studieren, wobei sie sich bei ihm nicht so ganz sicher war, ob er das auch wirklich tat beziehungsweise wie ernst er sein Studium nahm. Ihn hat sie das letzte Mal vor zwei Monaten gesehen, als er in den Semesterferien seine fünf Wochen lang seine alte Mutter besucht hatte. Ihr Mann hatte sie schon vor knapp zwanzig Jahren verlassen, was aber für sie und die Kinder damals eher eine Erleichterung war. Es sollte sich auch bald zeigen, dass sie ohne ihn viel besser auskamen und glücklicher waren. Aber mittlerweile hatte sie nur noch Shila, die jedoch immer unterwegs war und ein deutlich nachbarschaftlicheres Verhältnis pflegte als sie selbst. Sie hat sich nie allzu viel aus den anderen Leuten gemacht und bemühte sich auch immer nur leidlich um Kontakt zu ihnen. Als ihr Mann sie jedoch verlassen hatte, wandten sich die Nachbarn allerdings komplett von ihr ab und das Höchste der Gefühle ist seitdem schon wenn man sich gegenseitig grüßt oder auch nur einen flüchtigen Blick zu wirft. Die Abneigung der Nachbarn war ganz einfach damit zu erklären, dass er in deren Augen ein zum Himmel schreiender Skandal war, dass ihr Mann sie verlassen hatte. In dieser Gegend konnte man sich etwas derartiges nur mit einer untreuen Ehefrau – eine Todsünde – oder einer Ehefrau, die ihre häuslichen Pflichten – eine ebenso große Todsünde – erklären. Dies war beides nicht der Fall, aber das wussten nur ihre Kinder und sie selbst. Die Nachbarn hätte das eh nicht interessiert. Aber das bekümmerte sie nicht. Sie war glücklich mit ihrem Leben so wie es war. Wenn sie nur die Kinder und die Enkel öfter sehen könnte, aber immerhin schreiben sie sich sehr häufig, so dass sie sich jeden Tag darauf freute, wenn die Post kam. Und sie hatte ja noch ihren kleinen Garten, den sie fast so sehr wie ihre Kinder oder ihre Katze liebte. Ihr Garten war wahrlich ein kleines Paradies. Schon immer gewesen, aber gerade seitdem sie vor zwei Jahren in die wohlverdiente Rente ging, erblühte er in vollem Glanz. Sie hegte und pflegte ihr kleines Paradies von morgens bis abends, nicht zuletzt weil es ihr einziger Rückzugsort war. Aber diese Ruhe genoss sie in vollen Zügen. Im Moment war die Pflege aber nicht gerade einfach. Es waren schwierige Zeiten. Die Sonne brannte unermüdlich von Himmel herab. Und es war unglaublich heiß und das obwohl der Wetterbericht bei weitem nicht so heiß angesagt hatte. Einer der vielen Irrtümer in diesem Land, dachte sie sich. Aber die Hitze war schon geradezu drückend. Muss ich heute Abend nochmal gießen, dachte sie sich, nicht dass die schönen Blumen kaputt gehen, das wäre wirklich schade drum. Aber es war nicht nur heiß es war auch richtig staubig, was generell ja nicht untypisch war, aber so staubig? Vielleicht zieht ein Sturm heran, dachte sie sich, nur hoffentlich zerstört er meinen Garten nicht. Von irgendwoher schien auch Rauch herüberzuziehen, vielleicht machen die Nachbarn aus der Straße wieder eine Grillfeier, bei der sie wieder alle beisammensaßen. Alle außer ihr. Aber das machte ihr nichts aus. In der Ferne glaubte sie eine Sirene zu hören – ein Geräusch, an das sie sich schon längst gewöhnt hatte. Die Hitze schien, obwohl es langsam Abend wurde, immer mehr zu werden. Komisch, dachte sie sich, aber sie wunderte sich ja mittlerweile über gar nichts mehr. Aber bei weitem nicht zu heiß um die verwelkten Rosenblüten abzuschneiden, dachte sie sich, die einzige Arbeit, die sie gerne vor sich herschob, jetzt aber einfach fällig war. Als sie in Haus ging um ihre Gartenschere zu holen, stellte sie beim Blick durch das Küchenfenster fest, dass das Haus gegenüber brannte, von da kam wohl auch der Rauch vorher. Aber was kümmerte sie das, was kümmerten sie ihre Nachbarn – genauso wenig wie sie ihnen. Ich geh lieber wieder raus an mein Rosenbeet, dachte sie sich. Doch soweit sollte es nicht kommen, denn die nächste Bombe traf und zerstörte ihr Haus völlig, in dessen Trümmern man am nächsten Tag ihre Leiche finden sollte. Einzig ihr Garten blieb unversehrt, in dem ihre Katze im Schatten lag und friedlich schlief.

Die Presse sprach später von 40 zivilen Todesopfern bei den allabendlichen Bombardements auf der Suche nach afghanischen Terroristen. Sie war eines dieser 40 Opfer. Hinter 40 Opfern stehen 40 Menschen und hinter diesen 40 Menschen stehen 40 völlig verschiedene Geschichten. Jedoch haben sie leider alle eines gemeinsam – das sinnlose Ende.

                                                                                                                      Dom Neu (2011)