Ein Auszug (1.Kapitel) aus Gerd Trauts vollendeten Roman "Vergangenheitspartikel"


Eins

»Was machst du denn hier?«
»Ich bin mit dem Zug gekommen.«
»Aha, mit dem Zug. Komm erst mal rein.«
Frank tritt zur Seite und sein alter Freund Richard schiebt sich an ihm vorbei in den schmalen Flur der Wohnung. Er streift seine Schuhe ab und zieht seine regennasse Jacke aus, die ihm Frank sofort abnimmt, um sie an die Garderobe zu hängen, seinen Rucksack lehnt er an die Wand.
»Scheißwetter draußen, oder?«, fragt Frank, wohl nur um überhaupt etwas zu sagen.
»Ja. Regen, von der Haltestelle bis hierher.«
»Das ist eben Hamburg.«, Frank kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Komm erst mal ins Wohnzimmer, da kannst du dich hinsetzen und was trinken.«
»Hast du Bier da?«
»Aber sicher doch, hock dich schon mal hin, ich bring es dir gleich«, kommt die Antwort, schon halb im Gehen.
Das Wohnzimmer ist nicht eben klein und ziemlich nobel eingerichtet, ausladende Ledercouchen, dezent platzierte Hochglanzmöbel, dunkler Parkettboden, auch ein großer Flachbildfernseher fehlt nicht. Übertrieben, protzig. Aber irgendwie doch geschmackvoll. Richards Gemüt erhellt sich nicht gerade in Anbetracht dieser Demonstration von Luxus. Vor dem Fenster herrscht tiefschwarze Nacht. Es ist warm hier. Frank muss geheizt haben, gut geheizt. Auf einem Schrankbrett steht ein fein gerahmtes Foto von Franks Eltern, der Grund dafür, dass er hier ist, dass sie beide hier sind. Richard hat den Vater seines Freundes immer gemocht, genau wie die Mutter, aber gerade kann er sie nicht ansehen.
»Was ist los mit dir? So kenn ich dich doch gar nicht.«, überrascht ihn Frank, der mit zwei Bierflaschen in der Hand eben wieder das Zimmer betreten hat und dem die Miene seines  alten Freundes nicht entgangen ist. Richard sitzt nur still da und nimmt schweigend sein Bier entgegen. Frank setzt sich seitlich von ihm auf einen Sessel. »Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du fast 800 Kilometer von München hierher gekommen bist, nur um mich anzuschweigen. Hast du irgendwelche Probleme oder wolltest du mich einfach mal besuchen kommen, was mich natürlich sehr freuen würde. Was hast du eigentlich in den letzten beiden Jahren gemacht, erzähl mal was.«, wieder huscht ein Lächeln über Franks Gesicht. Gequält. Es ist ihm klar, dass die Dinge so einfach wohl nun wirklich nicht liegen.
»Ich weiß nicht weiter und ich weiß auch nicht, wo ich anfangen soll. Zum Beispiel könnte ich damit anfangen, dass ich noch immer keinen ordentlichen Job gefunden habe, nach zwei Jahren. Niemand sucht heute noch Historiker. Ich halte mich mit unterbezahlten Beschäftigungsverhältnissen über Wasser. Das ist schon fast erniedrigend.«, Richards Stimme klingt schwach, fast gebrochen.
Vor eben diesen zwei Jahren hatten sie in München ihr Studium beendet, Frank in BWL, Richard in Geschichtswissenschaften. Herr Schilling war und ist noch immer  ein hohes Tier in einem großen Konzern und so war es für ihn natürlich kein Problem, seinen Sohn auch in der Firma unterzubringen und das nicht eben als Tellerwäscher. Dafür war Frank nach Hamburg gezogen und hatte alles hinter sich gelassen, seinen gesamten Bekanntenkreis und auch seine Freundin, die es ihm letztlich nicht gleichtun konnte. Anscheinend aber hatte er alles richtig gemacht. Richard war das Glück nicht so gewogen gewesen in den vergangenen Jahren. Herr Hartmann war kein großer Geschäftsmann, er war Museumsangestellter mit mäßigem Auskommen. So war es ihm auch nicht möglich, seinem Sohn einen lukrativen Posten zu beschaffen, weder in seiner Arbeit, noch sonstwo und die bescheidenen Berufsaussichten für Geschichtsstudenten taten ihr übriges. Das höchste der Gefühle war ein Job in einem Supermarkt. Dabei war es geblieben, denn es sollte nichts folgen, außer mal nebenher an einer Tankstelle arbeiten. Im Prinzip kein Unterschied zur Studienzeit, nur, dass er jetzt eine vollwertige Ausbildung hatte und sich davon in seinem grenzenlosen Übermut mehr versprochen hatte als 400 Euro im Monat.
»Gibt es denn überhaupt keinen Bedarf an Geschichtswissenschaftlern, kein Museum, keine Ausstellung, keine Bibliothek, nichts?«, stellt Frank mehr rhetorisch in den Raum, um die eingetretene Stille zu durchbrechen.
»Weniger als das, viel zu viele Absolventen auf wenige Stellen, die größtenteils schon besetzt sind. Da interessiert sich noch nicht mal einer für meine Noten, die eigentlich sogar recht gut waren, da wird gleich von Anfang an abgeblockt: Brauchen wir nicht, haben wir schon. So läuft das. Die Frau vom Arbeitsamt hat nur gemeint, ich solle vielleicht einmal über eine Umschulung nachdenken. Ein halbes Jahr nach meinem Magister, das musst du dir mal vorstellen. Die hat doch keine Ahnung. Sie hat ja einen bequemen Job auf Lebenszeit, auf Kosten der Steuerzahler. Das war das erste und das letzte mal, dass ich da hingegangen bin. Ich hab auch meinen Stolz. Umschulen, dass ich nicht lache, ich habe eine erstklassige Ausbildung mit einem guten Abschluss, ich meine was soll das?«, Richard ist jetzt richtig wütend, aus Resignation, aus Trotz. Inzwischen muss er der Mitarbeiterin des Arbeitsamtes eigentlich Recht geben, mit diesem Abschluss wird er auf keine grünen Zweig mehr kommen. Das ist die Einsicht, zu der er inzwischen gekommen ist, die er aber nie laut aussprechen würde. Die letzten zwei Jahre haben ihn desillusioniert, in jeder Beziehung. Im Bezug auf Freundschaft, auf Arbeit, Chancengleichheit, andere Menschen. Man wird misstrauisch mit der Zeit, wenn einem das Leben seine harte Seite zeigt. So macht das keinen Spaß, bereitet keine Freude, keinen Lustgewinn. Minderwertigkeitsgefühle beginnen zu nagen, es ist unerträglich, es macht einen fertig.
»Komm beruhige dich. Ich glaube, es ist besser, du legst dich jetzt hin, es ist schon ziemlich spät und die Zugfahrt war wahrscheinlich auch anstrengend genug. Ich bring dir eine Decke und ein Kissen, dann kannst du auf der Couch schlafen, morgen können wir dann ja weiterreden. Um sieben Uhr muss ich zur Arbeit los, davor können wir noch miteinander frühstücken. So um Fünf komm ich zurück, derweil kannst du es dir ja in der Wohnung gemütlich machen, fernsehen, lesen oder was weiß ich. Du kannst dir auch die Stadt anschauen, ich lass dir einen Schlüssel da. Du bleibst doch morgen, oder willst du gleich wieder zurück?«, fragt Frank, während er aufsteht und die beiden halbleeren Bierflaschen vom Tisch wegräumt.
»Ich denke, ich bleib erstmal. Wenn es dir nichts ausmacht natürlich. Danke für das Angebot.«, sagt Richard sichtlich erleichtert. »Ich kann noch nicht schlafen. Ich bleib noch ein bisschen auf.«
»Dann leiste ich dir Gesellschaft.«
»Danke.«
»Bedank dich nicht dauernd, sonst überleg ich es mir anders. In Hamburg gibt es sehr schöne Brücken.«
»Muss nicht sein, die Couch reicht mir fürs erste.«
»Gut, dass du so genügsam bist.«
»Du sagst es.«
»Und?«
»Und was?«
»Was liegt an?«
»Keine Ahnung.«
»Auch eine Antwort.«
»Wie geht’s dir hier. Am Anfang haben wir uns ja noch geschrieben, aber danach weiß ich nichts mehr von dir. Ich kann sehen, wo du hier lebst, aber ich weiß nicht, wie du lebst. Bist du glücklich? Hast du Freunde hier? Vielleicht eine Freundin? Erzähl doch mal.«
»Hmmm, was gibt’s über mich zu erzählen? Wo soll ich anfangen?«
»Nicht in der Schule, das weiß ich schon alles.«, Richard muss schmunzeln.
»Ne, echt jetzt? Mein Vater hat mich hergeschickt, aber das weißt du ja.«
»Stimmt, wegen dem Posten.«
»Genau.«
»Verdienst du gut? Wobei, angesichts deiner Einrichtung erübrigt sich die Frage fast.«
»Ja, gut, schlecht verdiene ich sicherlich nicht. Dafür hab ich meinen Hintern zu weit oben, sag ich mal. Ich komm schon über die Runden.«
»Da haben wir ja was gemeinsam.«, Frank lächelt auf diese Feststellung seines Freundes hin bitter.
»Kann man in München mit 400 Euro überleben?«
»Es geht, wohnen kann ich zum Glück kostenlos, in der Wohnung von Sybille und...«
»Petra.«
»Ja, genau da.«
»Wie geht es ihnen«
»Gut, es geh ihnen gut, denke ich.«
»Was machen Bernd und Stefan?«
»Weiß nicht. Bernd geht es ganz gut, aber mit Stefan habe ich nicht mehr viel am Hut.«
»Ach so. Wohnen sie immer noch zusammen?«
»Glaub schon.«
»Bernd scheint dann ja immer noch genauso lethargisch zu sein, wie früher.«
»Er hat einfach gute Nerven, das ist alles.«
»Wahrscheinlich.«
»Manchmal wünschte ich, ich hätte etwas anderes studiert, oder eine Ausbildung gemacht.«
»Im Ernst?«
»Ja, manchmal schon. Dann hätte ich jetzt einen vernünftigen Beruf.«
»Aber es war doch eine schöne Zeit in München.«
»Das war es.«
»Wir haben alles zusammen gemacht.«
»Bis du gegangen bist.«
»Fang bitte nicht mit dem Thema an. Wir haben uns gerade so nett unterhalten.«
»Du willst dich nett unterhalten?«
»Ja, allerdings.«
»Dann musst du zu einem deiner Handlanger und Sesselfurzer gehen, damit er dich vollschleimen kann. Oder noch besser zu deiner Oma, auf Kaffee und Kuchen. Da kannst du dich dann nett unterhalten. Mit mir kannst du dich ganz normal unterhalten oder gar nicht. Klar?«
»So habe ich das nicht gemeint.«
»Das haben schon viele gesagt.«
»Lassen wir das, okay?«
»Gut.«
»Hast du es eigentlich beim Deutschen Museum versucht, oder der Pinakothek?«
»Was?«
»Mit einer Bewerbung.«
»Ich bin kein Kunsthistoriker. Das war nur ein Nebenfach.«
»Trotzdem.«
»Keine Chance.«
»Hmm.«
»Ich bin schwer vermittelbar.«
»Wer sagt das?«
»Die Frau vom Arbeitsamt.«
»Sag nicht immer Arbeitsamt, das heißt jetzt Agentur für Arbeit.«
»Ich weiß, sie hat mich aufgeklärt.«
»Hat sie dir keinen Aufsichtsratposten bei der Deutschen Bank angeboten.«, Frank scheint das für einen guten Witz zu halten. Richard nicht.
»Dresdner Bank.«, antwortet er trocken.
»Das tut es auch.«
»War schon vergeben. Außerdem bin ich überqualifiziert, das wollten sie mir dann nicht zumuten.«
»Du Glückspilz.«
»Das kannst du laut sagen.«
»Dann hören es die Nachbarn. Die Wände sind nicht so dick.«
»Und wenn schon, sollen sie doch.«
»Ich habe übrigens keine.«
»Keine was? Schildkröte?«
»Freundin.«
»Auch keine gehabt?«
»Nicht, dass ich mich erinnern könnte.«
»Armer Kerl.«
»Du?«
»Keine außer den Bekannten.«
»Was ist mit Julia.«
»Du kennst die Geschichte.«
»Ich weiß, und ich mag sie überhaupt nicht.«
»Ich auch nicht.«
»Soll ich dir eine Stelle bei uns besorgen?«
»Bei euch?«
»Sicher. Du bist nicht vom Fach, aber das könntest du leicht nachholen. Das machen viele. Du bist noch jung.«
»Was wäre ich dann? Kopist?«
»Controller, nach drei Jahren.«
»Was ist das denn?«
»Untere Verwaltungsebene, mit Aufstiegschancen.«
»Soso.«
»Sagt dir Bachelor etwas?«
»Der Kerl mit der Rose und den Weibern?«
»So ähnlich. Nein, als Studienabschluss.«
»Hab davon gehört.«
»Nach drei Jahren ist man fertig und kann dann ins Berufsleben einsteigen.«
»Klingt sehr verlockend.«
»Viele meiner Leute haben das gemacht.«
»Schön für sie.«
»Sei nicht so engstirnig. Du verdienst etwas besseres.«
»Womit du Recht hast.«, darauf fällt Frank scheinbar nichts ein.
»Wie ist die Stadt?«, fragt Richard.«
»Herrlich. Sie wird dir gefallen.«
»Wenn ich sie mir anschaue.«
»Kann ich dir nur empfehlen. Du kannst ja schlecht den ganzen Tag hier rumsitzen.«
»Hast du eine Ahnung. Außerdem dachte ich, du würdest zwei Wochen unbezahlten Urlaub nehmen, jetzt, wo ich da bin.«
»Na sicher. Der Antrag ist schon beim Chef.«
»Also dann, hier bin ich, unterhalte mich.«
»Spaßvogel.«
»Gerne.«
»Ist das eigentlich nicht furchtbar öde, arbeitslos, den ganzen Tag zu hause rumsitzen?«
»Ich bin nicht arbeitslos.«
»Wie?«
»Ich arbeite für kleines Geld, aber ich arbeite, gut 40 Stunden die Woche, meistens mehr.«
»Ach so«
»Ja, ach so Ich stelle lediglich fest, dass ich etwas anderes erwartet hatte, aber da habe ich mich anscheinend verschätzt.«
»Ist wohl so. Tja.«
»Tja ist auch eine Antwort.«
»Du hast mich gefragt.«
»Hab ich das?«
»Hör bitte mit diesen Spitzfindigkeiten auf. Ich kann das nicht haben.«
»Hmm.«
»Warum bist du hier?«, Frank nimmt den letzten Schluck seines Bieres. Richard ist noch fast voll.
»Das weiß ich nicht, ehrlich.«
»Was soll das heißen?«
»Dass ich es dir nicht sagen kann. Nicht, weil ich nicht will oder mich nicht traue, ich weiß es einfach nicht. Reicht dir das als Antwort.«
»Vorläufig muss es das wohl. Wäre aber schön, wenn dir beim nächsten mal mehr dazu einfällt.«
»Ich arbeite dran.«
»Schön.«
»Es ist nur so, dass ich mit meinen Kräften momentan am Ende bin, da fällt es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich muss erst meinen Kopf frei bekommen, das ist alles.«
»Burnout?«
»Unsinn. Wenn dann schon sowas wie trübsinnig. Was auch schon unsere Eltern hatten. Nicht so ein neumodernes Zeug.«
»Sehr komisch. Ich kenne Leute mit Burnout-Syndrom, aus meinem Job. Das ist keine schöne Sache und garantiert nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte, verstehen wir uns in diesem Punkt?«, Frank hat sich aufgerichtet und leicht zu Richard vorgebeugt.
»Wenn du das sagst.«
»Ich meine es absolut ernst.«
»Ich auch.«
»Du solltest schlafen gehen. Jetzt. Das ist auch mein ernst. Du hast es nötig. Ich bring dir eine Decke und ein Kissen.«
»Du hast wahrscheinlich recht.«, Richard kratzt sich am Hinterkopf und wartet geduldig, bis sein alter Freund ihm das Bettzeug bringt. Er sieht sich noch einmal im Raum um. Dort hängen ein paar Fotos eingerahmt an der Wand. Auf einem erkennt er den Studenten Richard Hartmann, daneben Frank und Bernd. Zwischen Frank und ihm steht Petra. Glücklich. Lächelnd. Vor ungefähr drei oder vier Jahren aufgenommen. Lange her. Dann betritt der Gastgeber wieder den Raum, vollgepackt mit dem Bettzeug für seinen unerwarteten Gast und richtet es ordentlich auf die Couch.
»Gute Nacht.«, wünscht Frank noch, bevor er den Raum verlässt und das Licht ausschaltet.
»Gute Nacht.«, Richard liegt da und starrt die Decke an. War es richtig, gerade zu Frank zu kommen? Aber zu wem denn sonst, die Eltern kamen nicht in Frage, die Kumpels waren nur teilweise eine Hilfe, wie in den letzten zwei Jahren und seine alten Freunde haben sich fast ausnahmslos in alle Winde zerstreut. Nur von Frank weiß er die Adresse, hatte zumindest losen Kontakt zu ihm, nachdem der gegangen war, zumindest eine Zeit lang. War nicht außerdem dieser Frank, Frank Schilling sein bester Freund gewesen und das über Jahre? Er hatte ihn schon in der Schule gekannt. Wer würde ihn verstehen, wenn nicht er, wer würde ihm helfen? Wird er ihm helfen können? Wird er sich überhaupt für seine Probleme interessieren? Vor zwei Jahren war er auch einfach gegangen. Und hatte damit ein großes Loch hinterlassen. Andere folgten ihm in die Ferne oder waren vorausgegangen. Von den alten Freunden war Richard danach beinahe nur noch Petra geblieben, die in München Arbeit gefunden hatte. Sein Blick fällt wieder auf das Foto an der Wand, das von einer Straßenlaterne vor dem Fenster immer noch schwach beleuchtet wird. Er liegt da. Das Zimmer liegt da. Es herrscht Dunkelheit hier. Nur draußen erhellen vereinzelte Lichter die Nacht.