Das erste Kapitel aus dem Roman "Ausgespielt", erschienen beim BP-Verlag

 

Das schrille Klingeln seines Handys reißt Markus aus dem wenig erholsamen Schlaf. „Sei doch endlich still du blödes Ding“, murmelt er im Halbschlaf, doch das Mobiltelefon will ihm nicht gehorchen. Wie schön war es doch ohne diese sinnlose moderne Technik, denkt sich Markus und entschließt sich dazu, nicht ranzugehen und so einen Triumph über die ihm verhasste Technik zu erringen. Als das Klingeln endlich verstummt und sich auf dem Display die Zahl der entgangenen Anrufe von einer Sechs in eine Sieben verwandelt, kommt ein mittlerweile geradezu unbekanntes Glücksgefühl in Markus auf. Dieses hält jedoch nur kurz an, denn sein Handy beginnt schon wieder von Neuem zu klingeln. Ich sollte dieses Scheißteil einfach aus dem Fenster werfen, dann hätte ich endlich meine wohlverdiente Ruhe, denkt sich Markus und fährt sich mit der faltigen Hand durch sein immer lichter werdendes graues Haar. Vor allem dieser erbärmliche Klingelton, gibt es denn da nichts Schöneres? Am besten einen, den man gar nicht hört? Das Ignorieren eines stummen Handys wäre wohl deutlich einfacher. Ein stummes Handy – ein Gedanke, der Markus sehr gut gefällt. Er erinnert sich, dass der vermutlich aus dem südlichen Ausland stammende, auf jeden Fall aber von Migrationshintergrund gezeichnete Berater, den Markus in seinen Gedanken nicht Berater, sondern verfluchten Verkaufsmigranten nennt, im großen anonymen Elektro-Markt davon sprach, dass man heutzutage alles Mögliche als Klingelton nehmen könne – oder war das wieder was ganz anderes? Er kann sich nicht mehr so genau daran erinnern, vor allem weil er nicht mal richtig zugehört hat, sondern damals in seinen Gedanken lieber sein Gegenüber verfluchte. Markus hat ja eigentlich nichts gegen Ausländer, solange sie dort bleiben, wo sie herkommen und hingehören. oder sich nur in sehr geringer Zahl in seinem Umfeld befinden. So kann der arme Mobiltelefonverkäufer jedoch wenigstens als Sündenbock herhalten, denn Markus ärgert sich noch immer darüber, dass er sich ein viel zu modernes und dementsprechend teures Handy aufschwatzen ließ. Aber diese kleinen weißen Geräte mit einem angebissenen Apfel drauf wären ja jetzt der ‚absolute Mega-Trend‘, den man unbedingt haben müsste. Das behauptete zumindest dieser Berater, dem Markus ja eigentlich nichts glauben wollte – das Handy kaufte er schließlich trotzdem. Normalerweise sind Markus solche Aussagen, dass man etwas dringend haben müsste, vollkommen egal – das sagt er zumindest selbst über sich. Aber irgendwie gelingt es jedes Mal wieder einem Verkäufer, ihn von den besten und teuersten Sachen zu überzeugen. So auch vor zwei Tagen dem Lehrling im Möbelhaus Schreinz, der ihm einen neuen Esstisch für bis zu zwölf Personen aus edlem Kirschbaumholz für einen sicherlich angemessen hohen Betrag verkaufte und das obwohl Markus dunkles Holz, wie so vieles auf der Welt, abgrundtief hasst. Vor allem braucht er schon gar keinen Tisch für bis zu zwölf Personen. Eigentlich ist auch ein Tisch für bis zu einer Person schon mehr als ausreichend, zumal Markus sowieso nicht kochen kann und erst recht nicht will. Schon das Zubereiten von Nudeln, was für ihn, wenn er es selbst macht, eine nicht zu unterschätzende Kunstfertigkeit darstellt, oder das Aufwärmen einer Fertigpizza überfordern ihn ab und an, weshalb er es meist vorzieht, lieber essen zu gehen. Seit einiger Zeit isst Markus so gut wie nichts, denn sein Appetit war auch schon mal besser als in den vergangenen Wochen und Monaten.

Schon wieder dieser grauenhafte Klingelton. Vielleicht sollte ich den doch mal ändern, denkt sich Markus, wenn ich doch nur noch wüsste, wo ich diese verfluchte Gebrauchsanweisung hingeworfen habe. Vermutlich liegt sie bereits im Müll, wohin sie Markus zwar sicherlich nicht selbst geworfen hat, sondern wohl eher auf den Boden, von wo aber wiederum seine Haushaltshilfe Frau Haberzell sie in den Müll geworfen hat. Frau Haberzell liebt Ordnung und bei Markus hat sie davon immer eine Menge zu machen, weswegen das Wort Haushaltshilfe einen riesigen Euphemismus darstellt. Das weiß Markus auch selbst, weshalb er sie gerne, nicht zuletzt aufgrund ihrer recht stattlichen Statur, ‚kleine dicke Trümmerfrau‘ nennt. Natürlich nennt er sie nur in seinen Gedanken so, denn er ist ja nicht unverschämt ihr das direkt zu sagen. Aber es ist auch gut möglich, dass ihm diese Bezeichnung in ihrer Gegenwart schon unbewusst rausgerutscht ist. Aber das wäre nur halb so schlimm, denn es stimmt ja schließlich auch. Markus mag Frau Haberzell, deren Vornamen er nicht einmal weiß, weil ihn dieser schlichtweg auch nicht nur im Geringsten interessiert, nicht sonderlich gerne. Insgeheim ist er aber froh, dass sie nach wie vor für ihn arbeitet, wenngleich er viel zu stolz ist, sich das auch nur selbst einzugestehen. Seine bestimmt irgendwo im tiefsten Inneren vorhandene Wertschätzung für ihre Arbeit würde er ihr gegenüber schon gar nicht ausdrücken. Warum auch?

Nachdem auf dem Display bereits eine Vierzehn steht, geht Markus schließlich doch an sein Handy, wobei er sich einredet, trotzdem die Technik einmal mehr besiegt zu haben, da er vierzehn Mal dem Klingeln des Handys nicht nachgegeben hat und das ja auch schon eine beeindruckend große Zahl ist.

Ja?“, meldet sich Markus mit bemüht wacher Stimme, welche aber trotz seines Triumphes eine gewisse Aggressivität enthält, die bei ihm jedoch keineswegs selten ist.

Markus, bist du es?“, fragt Franz am anderen Ende der Leitung mit seinem bewusst geschäftsmännischen Ton, welchen er in absoluter Perfektion beherrscht. Er hätte Seminare geben können wie ‚Kaufmännisches Sprechen am Telefon für Fortgeschrittene‘ oder so etwas in der Art. Franz ist seit jeher einer von Markus´ besten Freunden und gleichzeitig auch sein Manager.

Ja. Wer denn sonst? Hast du jemand anderen erwartet? Ich kann sehr gerne wieder auflegen, wenn du mit jemand anderem sprechen möchtest.“

Haha. Markus, alter Spaßvogel, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Wie geht es dir, mein Bester?“

Passt schon. Was willst du?“

Markus, du wirkst so genervt. Oder bist du nur gestresst? Ich hab es heute schon ein-, zweimal bei dir probiert, aber du bist nicht rangegangen.“

Ich hab geschlafen.“

Es ist halb eins.“

Ach so, jetzt gerade vorher erst? Da war ich, … äh, nicht da.“

Und du hast dein Handy natürlich mal wieder zu Hause liegen lassen, wahrscheinlich auch noch neben dem Festnetztelefon. Den Sinn eines Mobiltelefons erklär ich dir beizeiten nochmal. Aber wo warst du denn überhaupt?“

Termine.“

Termine? Welche Termine denn? Ich hab dir doch gar nichts organisiert“, kommt es misstrauisch aus der Leitung.

Privat“, antwortet Markus nun schon sehr pampig. Dieses Gespräch fängt an, ihn zu nerven. Nein, so ganz stimmt das nicht, denkt er sich, es nervt ihn schon von Anfang an. Schon bevor er überhaupt rangegangen ist, allein schon wegen dieses grauenhaften Klingeltons. Es nervt ihn also immer mehr, aber das macht die gesamte Sache in seinen Augen auch nicht gerade besser. Will Franz ihn etwa verhören? Er kann in seiner Freizeit doch anstellen, was er will und muss niemandem, wirklich gar niemandem, Rechenschaft darüber ablegen. Zur letzten Person, der er vielleicht über irgendetwas Rechenschaft hätte ablegen müssen, hat er seit über zwei Jahren keinen Kontakt mehr. Wobei er auch ihr gegenüber nie und über nichts Rechenschaft abgelegt hat, was auch der Grund für das Zerbrechen ihrer Beziehung sein könnte, aber das stört Markus nicht weiter – zumindest versucht er sich das immer wieder selbst einzureden.

Schon gut, schon gut, ich möchte ja nicht in deinem Privatleben herumstöbern. War nur die interessierte Nachfrage eines guten alten Freundes.“ Das verächtliche Schnauben am anderen Ende der Leitung scheint Franz entweder nicht zu hören oder er überspielt es mit all seiner Professionalität. „Markus, warum ich dich anrufe, ich hab dir vor drei Tagen eine Mail geschickt. Ich warte noch auf eine Antwort von dir.“

Mail? Welche Mail?“

Eine E-Mail mit den finalen Daten für deine bevorstehende Tour, über die wir uns vor ein paar Wochen mal unterhalten haben.“

Aha.“

Hast du die Mail etwa noch gar nicht gelesen?“

Die Mail?“

Ja. Die, die ich dir geschickt habe.“

Mmh.“

Markus, hast du sie gelesen?“

Pffff, … ähm …, ich befürchte nein.“

Markus, das drängt alles ein bisschen. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass du regelmäßig die Mails liest, die ich dir schreibe.“

Markus hat aber schon seit mindestens einem Monat keine E-Mails mehr gelesen, egal ob von Franz, die äußerst seltenen Mails von seinen Fans oder Werbemails, in denen asiatische Potenzmittel oder dergleichen angeboten werden. Auch so eine sinnlose Erfindung der Neuzeit – E-Mail – wer braucht denn so etwas? Kann ihm Franz solche Termine denn nicht am Telefon, wohlgemerkt am Telefon und nicht am Handy, mitteilen oder als Brief zukommen lassen wie in den guten alten Zeiten? Muss denn heutzutage alles mit Handys, Mails und dem ganzen Blödsinn gehen? Insbesondere E-Mails sind zur Kontaktaufnahme mit Markus derzeit recht ungünstig. Vor ein paar Wochen ging nämlich so ein seltsames Feld mit einem schwarzen Ausrufezeichen in einem gelben Dreieck auf seinem Bildschirm auf, mit dem Markus nicht viel anfangen konnte. Sein Lösungsversuch, den Computer einfach aus- und wieder einzustecken, blieb ohne Erfolg, denn das Feld tauchte gleich wieder von Neuem auf. Seitdem hat er gar nicht mehr versucht, diese Maschine überhaupt wieder anzuschalten. Das bringt doch sowieso nichts, denkt er sich, was soll ich mich damit noch abtun, schließlich ist der Computer mitsamt seiner diversen nutzlosen Funktionen sowieso überflüssig. Wer weiß, ob sich diese Technik überhaupt auf Dauer durchsetzen wird. Markus wäre so ziemlich der Letzte, der über das Scheitern traurig wäre.

Ja gut, sonst tu ich das natürlich schon. Aber genau die hab ich wohl nicht gelesen. Wahrscheinlich übersehen oder so.“

Ich hab dir die Mail drei Mal geschickt, weil du nicht geantwortet hast.“

Hast du?“

Kam sie vielleicht gar nicht an? Möglicherweise hab ich mich ja auch bei deiner Mail-Adresse vertippt.“

Ja, jaja, das wird’s wohl sein.“

Ok, dann schick ich sie dir gleich nochmal, dann kannst du dir das alles in Ruhe anschauen und wir telefonieren in einer Stunde nochmal miteinander.“

Schweigen.

Markus, passt das bei dir?“

Ähm …, das ist gerade ganz schlecht, weil … das ist also zeitlich gerade ganz schlecht.“

Wann dann?“

Kannst du mir nicht einfach schnell das Wichtigste zur Tour sagen?“

In der besagten Mail standen ja nur die genauen und nun endgültigen Daten und Orte drin. Den ganzen Rest zur Tour müsstest du ja schon in den anderen Mails zuvor gelesen haben, oder?“

Erneutes Schweigen.

Markus, bist du noch dran?“

Ja.“

Die ganzen anderen Mails der letzten Wochen hast du schon gelesen, oder?“

Pfff, … ähm, ich befürchte nein.“

Was, wie jetzt? Wieso liest du denn deine Mails nicht? Bist du etwa so im Stress? Was machst du denn den ganzen Tag?“

Ist gerade alles recht viel. Wieso schickst du mir so etwas denn nicht per Post?“

Per Post? Markus, ich bitte dich. Auch wir, die wir aus dem Jugendalter beileibe raus sind, müssen mit der Zeit gehen und die moderne Technik nutzen. Aber wem sag ich das, da doch gerade du immer die neuesten und besten technischen Dinge hast.“

Ja, natürlich. Aber als Brief wäre mir das trotzdem alles lieber.“

Hast du Probleme mit deinem Computer? Kommst du vielleicht nicht zurecht damit?“

Also so etwas verbitte ich mir aber, ja? Nur damit das mal klar ist, ich und Probleme mit dem Computer, das ist ja wohl lächerlich. Schämst du dich denn gar nicht? Diese Unterstellungen, das ist ja wirklich ungeheuerlich …“

Markus, Markus, tut mir Leid. Alles ist gut. Dir ist es also per Post lieber?“

Ja.“

Soll ich dir jetzt etwa alles nochmal per Post schicken?“

Ja.“

Die ganzen Mails und Informationen der letzten Wochen zur Tour?“

Ja.“

Ok, ich schicke es dir jetzt dann gleich raus.“

Mmh, wars das dann?“

Ja, schönen Tag noch und wir telefonieren dann.“

Ja.“

Und Markus?“

Ja?“

Überwinde doch endlich mal deinen Stolz und nimm Hilfe an. Es ist doch nicht schlimm, wenn du Probleme mit deinem Computer hast, weil du etwas nicht weißt oder nicht weiterkommst, denn …“

Lächerlich, denkt sich Markus, einfach nur lächerlich und legt auf.