Mit diesem Text hat Dominik im Januar den Pfaffenhofener Literaturpreis "Goethes Schlittschuh" gewonnen

 

Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch. Ich habe grundsätzlich vor so ziemlich allem Angst. Angefangen haben diese Ängste bereits im Kleinkindalter. Ich denke als Kind hatte so ziemlich jeder Angst vor Monstern unter seinem Bett, hinter der Tür oder im Kleiderschrank. Natürlich habe ich mich als Kind vor dem Schlafengehen immer versichert, dass hinter der Tür kein Monster lauert, das mich dann im Schlaf auffrisst. Gut, was heißt als Kind – Männer werden ja bekanntlich nie so richtig erwachsen und bleiben immer Kind. Das kommt im Übrigen auch gar nicht mal so gut an, wenn man eine Frau auf- und man sich dann bereits gegenseitig die Klamotten vom Leib reißt und man während des Vorspiels noch schnell sagt „Moment, ich muss da noch schnell was überprüfen“. Da ist dann schneller die Luft raus als man denkt und man kann froh sein, wenn man an dem Abend außer seinen Kopf hinter die Tür überhaupt noch ein anderes Körperteil irgendwohin stecken darf. Obwohl es ja nur der beiderseitigen Sicherheit dient, habe ich seltsamerweise noch nie eine Frau erlebt, die mich für meine Umsicht lobt „Gut, dass du trotz Erregung dran denkst, das hätte ich jetzt fast vergessen“, oder beruhigt „Keine Sorge, mein Monster hat sich heute Abend frei genommen“. Nein – stattdessen nur Hohn und Spott oder Schweigen. Vielleicht ja Schweigen aus stiller Bewunderung? Aufgrund negativer Erfahrungen habe ich es mir mittlerweile aber immerhin abgewöhnt im Kleiderschrank nach Monstern zu suchen, nachdem ich in einem solchen einst den Verlobten einer jungen Dame fand, der dann im wahrsten Sinne des Wortes wirklich zum Monster wurde. Dank meiner jahrelang antrainierten Monster-Bekämpfungs-Technik habe ich überlebt – laut schreien und so schnell wie möglich weg laufen. Aber ich habe nicht nur von Monstern Angst, sondern auch vor Krankheiten. Ich habe oft alle möglichen Krankheiten – das glaube ich zumindest selbst, denn mindestens zwei Symptome treffen immer auf mich zu – Kopfschmerzen und Müdigkeit. Und ganz ehrlich – welcher Streber hat schon immer alle Symptome einer Krankheit? Nur weil ich kein hohes Fieber habe und nicht erbrechen muss, kann ich doch trotzdem an Meningitis erkrankt sein. Oder ich kann auch eine Nasennebenhöhlenentzündung haben, auch wenn ich gerade keinen Husten oder andere Schmerzen habe. Die Sinusitis kann sogar akut oder gar chronisch sein – denn die Müdigkeit und die Kopfschmerzen als Symptome sind nicht wegzuleugnen. Und das bloße Fehlen des Fiebers kann auch kein Beleg dafür sein, nicht an der ostafrikanischen Schlafkrankheit erkrankt zu sein, denn wer kann mir schon sicher sagen, dass es in Reichertshofen wirklich keine Tse Tse Fliegen gibt? Deshalb bin ich auch relativ häufig bei meinem Arzt. Wenn ich dann nervös und todkrank im Wartezimmer sitze, inmitten lauter kranker, hustender, Viren-verbreitender Menschen, die mich dann mit gleich noch mehr Sachen anstecken, lese ich in diesen typischen Wartezimmerzeitungen dann immer alles über die neuesten und schlimmsten Krankheiten, deren Symptome wiederum auch voll und ganz auf mich zutreffen – also zumindest Kopfschmerzen und Müdigkeit – weshalb sich mein Krankheitsbild kurz bevor ich ins Behandlungszimmer gerufen werde nochmal schnell drastisch ändert. Aber egal – todkrank bleibt todkrank. Was ich schon an Krankheiten überlebt habe – es grenzt eigentlich schon fast an ein Wunder, dass ich heute hier sitze. Und das gerade trotz Müdigkeit und Kopfschmerzen – ich hoffe ich überlebe bis zum Ende meines Textes. Zwar keine Krankheit, aber nicht weniger furchteinflößend ist das Phänomen der Selbstentzündung. Angeblich können sich Menschen ohne Zutun von Außen von Innen heraus selbst entzünden oder irgendwie so in der Art soll das wohl funktionieren. Mehr weiß ich darüber auch nicht. Ist doch alles Humbug möchte man sagen, doch ich habe trotzdem Angst davor, seitdem ich vor vielen Jahren einen Beitrag darüber in einer dieser pseudowissenschaftlichen Fernsehsendungen gesehen habe. Ich hatte als Kind dann wahnsinnige Angst davor, mich im Schlaf ausversehen von innen selbst zu entzünden, so dass seitdem immer ein Glas Wasser neben meinem Bett stand. Irgendwann hab ich dann eingesehen, dass das ja alles in der Tat ein ziemlich großer Blödsinn ist und das ja nichts bringt. Deshalb steht jetzt ein Feuerlöscher griffbereit neben meinem Bett. Die Frauen, die kein Problem damit haben, dass ich zuerst das Zimmer auf die Anwesenheit von Monstern untersuche, weil sie das vielleicht sogar „ganz niedlich“ oder gar „voll süß“ finden, wird das dann spätestens zu viel, wenn ich meinen Feuerlöscher neben ihrem Bett abstelle, denn selbstverständlich habe ich den immer mit dabei. Gerade wenn es heiß her geht, ist der letzte Schritt zu Selbstentzündung bestimmt nicht mehr weit. Wahrscheinlich halten mich die meisten Frauen ganz einfach nur für pervers, aber genug Zeit den wahren Grund der Anwesenheit des Feuerlöschers zu erklären, bleibt mir meist nicht mehr, weil ich während meiner hilflosen Erklärungsversuche dann bereits vor die Tür gesetzt werde – manchmal ohne Kleidung, dafür zum Glück aber immer mit Feuerlöscher. In Grunde genommen dient der Feuerlöscher ja nicht nur meiner eigenen Sicherheit, sondern auch der Sicherheit der Frau, denn wenn ich brenne, kann es auch schnell passieren, dass sich diese mitentzündet. Und gerade lange Haare entzünden sich auch mal ratzfatz mit und brennen dann wie Zunder. Wir werden also beide dadurch geschützt. Und ich kenne nur wenige Frauen, die etwas gegen den beiderseitigen Schutz beim Geschlechtsverkehr einzuwenden haben. Aber gut, die Frauen scheinen meine Ängste und Sorgen nicht zu verstehen. Warum ich so ängstlich bin, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mal so genau. Ich habe aber eine Vermutung – es könnte an meiner Kindheit liegen. Denn ich hatte eine sehr schwere Kindheit. Ich will jetzt gar nicht ihr Mitleid, nein – ich wollte das nur mal erwähnt haben. Aber ich habs schon auch wirklich richtig schlimm erwischt. Fällt mir jetzt nicht leicht, darüber zu sprechen. Ich bin nämlich Lehrerkind. Beide Eltern Grundschullehrer. Vor allem Lehrerkinder müssen damit leben, dass sie aus der Sicht ihrer Eltern für alle Zeit unreif und rebellisch sind und von nichts eine Ahnung haben – zumindest immer weniger als die Eltern. Auch das Erreichen der Volljährigkeit, die Aufnahme eines Studiums oder wahrscheinlich sogar der Gewinn des Nobelpreises würden an dieser eisernen Tatsache nichts ändern: Die Eltern haben immer recht. Bei Widerspruch immer die gleiche Antwort: „Nein, das stimmt nicht.“ Sagt man als Lehrerkind zum Beispiel „Draußen schneit es“, lautet die einzig richtige Antwort darauf „Nein, das stimmt nicht“ – auch wenn es so ist. Allerhöchstens „fallender Niederschlag hexagonaler mono-, seltener polykristalliner atmosphärischer Eisaggregate, die hauptsächlich durch Sublimation entstanden sind“ oder so etwas in der Art könnte noch ein paar Punkte in der alltäglichen Prüfung des Lebens geben. Auch wenn es mal um etwas ging, was man gerade in der Schule gelernt hat und hundertprozentig sicher wusste, stimmte das natürlich nicht. Wenn man dann als Beleg das Schulbuch holte, war dieses einfach veraltet, weil der Staat bei den Schulbüchern fast genauso sehr spart wie bei den mickrigen Lehrergehältern. War das Schulbuch neu, war ganz einfach der Inhalt falsch, weil diese ganzen neuen Schulbücher ja sowieso nichts taugen. Auch der Hefteintrag als Beleg zählte nicht, denn dann hab ich das natürlich einfach nur falsch abgeschrieben. War es ein Arbeitsblatt vom Lehrer, dann hatte der Kollege sich aus Versehen vertan, was ja mal vorkommen kann. War der Lehrer jedoch jünger als 40 Jahre, dann war er ganz einfach zu unerfahren und dumm, denn er ist ja jung und junge Menschen haben – das lehrt der Beruf – keine Ahnung. Ich selber durfte natürlich nie etwas Negatives über meine Lehrer sagen. Auf Kritik an Lehrern standen zu Hause Höchststrafen. Kein Fernsehen. Statt um sieben schon um halb sieben ins Bett, ab 14 dann immerhin erst um halb acht. Kein Nachtisch – den es sowieso meist nicht gab, weil ungesund und damit bestimmt auch unpädagogisch. Oder ganz einfach mündlichen Tadel – denn das können Lehrer immer noch am besten – schimpfen. Oft war ich ja auch schon froh, dass ich mich nicht auch noch zu Hause in die Ecke stellen musste, denn diese waren meistens schon von meinen Geschwistern belegt. Während dieses Schicksal wahrscheinlich so ziemlich jedes Lehrerkind in dieser oder ähnlicher Form kennt, war es bei mir aber noch viel schlimmer – meine Eltern waren an der gleichen Grundschule wie ich. Das ist die ultimative Höchststrafe. Aber muss man sich damit wohl oder übel arrangieren. Naja, zumindest versuchen kann man es. Eltern an der gleichen Schule klingt anfangs vielleicht auch nach ein paar Vorteilen, denn man hätte ja mit den Eltern in der Früh in die Schule fahren können und mittags heim, ohne dass man in einem engen überfüllten Bus stehen muss und von älteren Schülern angepöbelt wird. Ja, hätte man können. Hätten mich meine Eltern mit zur Schule mit genommen. Aber der Bub sollte ja früh eigenständig werden, also soll er gefälligst auch mit dem Bus fahren. Eigentlich auch ganz gut, dachte ich bei der Einschulung, weil vielleicht kann man dadurch ja auch erreichen, dass man von den Mitschülern nicht gleich als Lehrerkind entlarvt wird. Aber die anfängliche Hoffnung, meine Identität zu wahren und eben nicht gleich als Lehrerkind an den Pranger gestellt zu werden, war von außerordentlich kurzer Dauer. Spätestens zwei Tage nach der Einschulung stand in unsichtbaren, aber dennoch für alle sichtbaren, riesigen Buchstaben auf meiner Stirn geschrieben: LEHRERKIND. Mit drei fetten Ausrufezeichen dahinter. Ich habe mich damals nahezu täglich gefragt: Warum konnten meine Eltern nicht wenigstens halbwegs normale und geachtete Berufe einnehmen? Das muss ja nicht unbedingt gleich Feuerwehrmann, Eisverkäufer oder Schriftsteller sein. Aber so ziemlich alles wäre doch besser als Lehrer. Egal welcher andere Beruf, die Leute hätten mehr Achtung vor ihnen gehabt und damit auch vor mir. Polizist – zwar für viele ein Arschloch, aber offen sagen oder das Kind eines Polizisten verprügeln, traut sich keiner. Die haben Waffen und schlagen – vor allem in Bayern – ja auch gerne mal zu. Manager der deutschen Bank. Klar, Abzocker und völlig überbezahlt. Aber hey, bei dem vielen Geld, kaufen wir uns nicht nur die Elternliebe mit teuren Geschenke, sondern dem Buben auch noch gleich Freunde mit dazu. Politiker – ok, reden blöd daher, lügen alle, aber gewählt und teilweise geliebt werden sie trotzdem, auch wenn man sich oft nicht erklären kann, was an Menschen wie Seehofer, Merkel oder Steinbrück sympathisch sein soll Aber ok, meine Eltern wollten an der Schule bleiben, das ist ja in Ordnung. Aber warum denn als Lehrer? Meine Mutter hätte doch auch Sekretärin werden können. Und mein Vater hätte ja auch Hausmeister an der Schule werden können. Der Hausmeister ist an vielen Schulen bei den meisten Schülern sehr beliebt – zumindest immer mehr als ein Lehrer. Vor allem wäre Hausmeisterkind auch gar nicht mal so schlecht gewesen. Ich hätte mir die eine Mark zwanzig jeden Tag für die Wurstsemmel sparen können, beziehungsweise hätte das Geld nicht in die Schule mitnehmen müssen, damit mir das Geld dann noch vor dem Kauf meiner Pause von Größeren oder auch Kleineren abgenommen wird. Als Hausmeisterkind brauchst du kein Geld, weil warum sollte dir dein Vater in der Früh Geld geben, dass er dann zwei Stunden später eh wieder bekommt? Vor allem hätte ich dann bestimmt auch ein Knoppers bekommen. Jeden Tag um halb zehn. Vielleicht sogar zwei – an einem Tag! Aber so: Kein Geld für Süßigkeiten. Die Alternative die eins zwanzig statt für eine Wurstsemmel für vier Knoppers auszugeben, kam mir erst in den Sinn, als ich besser rechnen konnte – also vor etwa knapp drei Wochen dank der neuen Handy-App. Aber so musste ich meine Pausen ohne Knoppers durchleben. Und ich musste damit leben, dass mich alle an der Schule mit dem gleichen Respekt behandelten, wie einen Aussätzigen, wie einen Verbrecher, wie einen Stasi-Spitzel nach dem Zusammenbruch der DDR. Spätestens nach der einschneidenden Grundschul-Zeit, schwor ich mir, ganz anders zu werden als meine Eltern. Zu rebellieren. Das konservative Leben meiner Eltern zu verachten. Später etwas ganz anderes zu machen. Alles nur nicht Lehrer. Das hat dann auch ganz gut funktioniert. Also zumindest bis ich mich vor fünf Jahren an der Uni für das Lehramtsstudium eingeschrieben habe.